Der Spielmann von Lys

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Emanuel Geibel: Der Spielmann von Lys (1833)

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Im Forst von Lys am tiefen See
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Erglüht die Mittagsstunde,
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Die hundertjährigen Eichen stehn
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Verschlafen in der Runde.

5
Kein Lüftchen geht, man hört von fern
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Den Specht in Waldesmitten,
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Da kommt der Spielmann durch den Busch,
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Der braune Geselle, geschritten.

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Er trägt ein Wams von Flicken bunt,
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Trägt Farnkrautblüt' am Hute,
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Sein schwarzes Auge lacht und blitzt,
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Er singt mit lachendem Mute:

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»ich bin des grünen Waldes Kind,
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Die Tierlein kennen mich alle;
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Woher ich komme, das weiß der Wind,
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Der Wind, wohin ich walle.

17
Des Bauern lach' ich hinterm Pflug,
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Des Grafen hoch im Saale;
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Mein Truchseß ist der Brombeerstrauch,
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Mein Schenk der Quell im Tale.

21
»im Winter schlaf' ich bei dem Fuchs,
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Im Lenz auf sonnigem Rasen,
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Und wird die Weile mir lang einmal,
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So heb' ich an zu blasen.«

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Er zieht hervor die Pfeif' aus Rohr,
26
Den Klang versucht er leise;
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Fremdartig durch die stille Luft,
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Verlockend schwillt die Weise.

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Sie jauchzt wie wirbelnder Lerchenschlag,
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Sie klagt wie Unkengestöhne,
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Wie Kinderjubel und Todesqual
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Lachen und weinen die Töne.

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Und wie er sanft und sanfter bläst,
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Da regt sich's in den Büschen,
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Da kommt es geschlüpft durchs hohe Gras
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Mit leisem Rieseln und Zischen;

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Jetzt hebt sich vom Boden ein grünes Haupt
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Auf grünem, gleißendem Rücken,
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Zwei Augen glühn wie Edelgestein
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Und funkeln vor Entzücken.

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Das ist die Schlangenkönigin,
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Sie kommt bezaubert vom Schalle,
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Und hinter der Alten, wie Heeresgefolg',
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Die Schlangen des Waldes alle.

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Sie schließen den Kreis gleich wie zum Reihn,
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Sie ringeln und züngeln vor Wonne,
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Um ihre schillernden Leiber spielt
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Durchs Laub der Strahl der Sonne.

49
Und sieh, nun schlüpft um des Spielmanns Hals
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Die Königin zärtlich und leise,
51
Er kennt das Liebkosen der Freundin schon
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Und bläst die schmelzendste Weise.

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Doch als des Schalls ihn dünkt genug,
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Da setzt er vom Munde die Pfeife,
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Die Schlange, wonnegesättigt, löst
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Langsam die glänzenden Reife.

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Sie gleitet hinweg durchs wogende Gras
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Und sucht ihr Nest in den Tannen,
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Die Schwestern schießen ihr rauschend nach;
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Der Spielmann wandert von dannen.

61
Er singt: »Ich bin des Waldes Kind,
62
Die Tierlein kennen mich alle;
63
Woher ich komme, das weiß der Wind,
64
Der Wind, wohin ich walle!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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