Omar

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Emanuel Geibel: Omar (1833)

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Inmitten seiner Turbankrieger,
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Die Stirne voll Gewitterschein,
3
Zog Omar, der Kalif, als Sieger
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Ins Tor der Ptolemäer ein.
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Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern,
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Ritt langsam er dahin im Zug,
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Ihm folgte mit den Bogenspannern
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Ein Negerschwarm, der Fackeln trug.

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Sie zogen durch die öden Gassen,
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Durch Siegestor und Säulengang,
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Drin klirrend nur der Schritt der Massen,
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Der Hengste Stampfen widerklang;
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Schon lenkte zu den Porphyrstufen
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Der alten Hofburg der Kalif,
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Da warf vor seines Rosses Hufen
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Ein Greis sich in den Staub und rief:

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»o Herr, der Sieger warst du heute,
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Und diese Stadt des Nils ist dein,
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So nimm als reiche Schlachtenbeute
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Ihr Gold und Erz und Elfenbein.
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Die Türme stürz' in Schutt zusammen,
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Zerbrich den Bilderschmuck des Hains,
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Die Tempel selber gib den Flammen!
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Nur eins verschone, Herr, nur eins!

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»sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen
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Am Tor, die Hüter unsres Ruhms,
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Da schläft in hunderttausend Rollen
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Der Geisterhort des Altertums.
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Was, seit der Erdkreis aufgerichtet,
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In Tat und Wort sich offenbart,
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Was je gedacht ward und gedichtet,
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Dort liegt's der Nachwelt aufbewahrt.

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»o gib den Schatz, aus allen Reichen
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Der Welt gehäuft mit treuem Fleiß,
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Gib dies Vermächtnis ohnegleichen,
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Der Menschheit Erbteil gib nicht preis!
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Nein, heilig sei auch dir die Stätte,
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Die jede Muse fromm geweiht,
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Streck' drüber deine Hand und rette
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Der Zukunft die Vergangenheit!«

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Doch Omar zieht die Stirn in Falten
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Und spricht, indem sein Auge flammt:
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»ich bin genaht, Gericht zu halten,
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Was drängst du, Tor, dich in mein Amt?
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Hinweg, daß meines Zorns Geloder
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Nicht dich samt deinen Rollen trifft!
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Die Schätze, die du rühmst, sind Moder,
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Und was du Weisheit nennst, ist Gift.

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Schon allzulang am unfruchtbaren
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Vielwissen siecht die Welt erschlafft;
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Der Staub von mehr als tausend Jahren
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Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft.
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Des Lebens Baum ließ ab zu lauben,
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Seit dran der Wurm des Zweifels zehrt:
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Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben!
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Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert!

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»daß endlich diese Dumpfheit ende,
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Bin ich gesandt, vom Herrn ein Blitz.
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Auf! Schleudert denn die Feuerbrände
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In der verjährten Krankheit Sitz!
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Und wenn, umwogt vom Flammenmeere,
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Der aufgetürmte Wust zergeht,
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Ruft: Gott ist groß! Ihm sei die Ehre!
64
Und Mahomed ist sein Prophet!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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