Schön Ellen

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Emanuel Geibel: Schön Ellen (1833)

1
»nun gnade dir Gott, du belagerte Schar!
2
Was frommt noch, daß ich's verschweige?
3
Wir haben nicht länger Brot noch Wein;
4
Das Pulver geht auf die Neige.

5
»und kommt nicht Hülfe, und kommt sie nicht bald,
6
Den wimmelnden Feind zu bestehen,
7
So sehn wir die Sonne, die rot dort steigt,
8
Wohl nimmermehr untergehen.«

9
Lord Edward sprach's; trüb standen umher
10
Die tapferen Waffengenossen;
11
Schön Ellen lehnt' an des Feldstücks Rad,
12
Vom bunten Plaid umflossen.

13
Sie starrt' hinaus in die leere Luft,
14
Als ob ein Zauber sie bannte,
15
Und plötzlich fuhr sie empor wie im Traum,
16
Ihr dunkles Auge brannte.

17
»nun schaut, ihr Brüder, nun schaut vom Turm!
18
Und habt ihr nichts vernommen?
19
Mir deucht, ich höre ganz fern den Marsch,
20
Den Marsch: Die Campbells kommen.

21
»ich höre die große Trommel dumpf,
22
Ich höre des Pibrochs Weise,
23
Wie einst am Tweed ich gesungen das Lied,
24
So spielt in den Winden es leise.« –

25
»ach, Mädchen, was redest du Traum und Trug!
26
Vom Turm ist nichts zu sehen
27
Als blaue Luft und gelber Sand
28
Und fern des Rohrfelds Wehen.

29
Doch unterm Wall, da wühlt der Feind,
30
Vieltausend Waffen schimmern;
31
Die Äxte blitzen, mit denen sie schon
32
Zum Sturm die Leitern zimmern.« –

33
Und die Sonne stieg in die Mittagshöh',
34
Und die Sonne begann sich zu neigen;
35
Sie luden die Stücke zum letztenmal,
36
Sie drückten die Hand sich mit Schweigen.

37
Schön Ellen starrt' in die leere Luft,
38
Ihr bleiches Gesicht war erglommen:
39
»ich hab's euch gesagt, und ich sag' es aufs neu',
40
Ich hör's: Die Campbells kommen.

41
Ich höre den dumpfen Trommelschlag
42
Zum gellenden Pibrochstone,
43
Ich höre den schütternden Schritt auf dem Grund,
44
Den Schritt der Bataillone.« –

45
»ach, Mädchen, wir spähen und spähen umsonst;
46
Und schon bricht ein das Verderben;
47
Der Feind, schon legt er die Leitern an;
48
Nun gilt's mit Ehren zu sterben!

49
Fahrt wohl denn, Weib und Kind daheim,
50
Und ihr Hochlandsseen und Heiden! –
51
Und nun, Kameraden, gebt Feuer, mit Gott!
52
Und die Schwerter hervor aus den Scheiden!«

53
Und die Salve kracht', und der Sturm ward heiß,
54
Und Dampf lag über den Wällen,
55
Und als der Fähndrich zu Boden sank,
56
Da faßte die Fahne Schön Ellen.

57
»nun steht, ihr Brüder, nun steht! Ganz nah,
58
Ganz nah jetzt hör' ich die Weise!«
59
Sie rief's, und sieh, da zerbarst das Gewölk,
60
Und der Blick ward offen im Kreise.

61
Und da blitzt' es heran durch das weite Gefild,
62
Und da kam's in Geschwadern gezogen,
63
Mit gewürfeltem Plaid und mit Federn vom Aar,
64
Und Englands Banner flogen;

65
Und da brach's in den Feind wie Hochlandssturm,
66
Und jetzt, von allen vernommen,
67
Hoch über dem Rauch fortwogte der Marsch,
68
Der Marsch: Die Campbells kommen.

69
Und der Feind zerstob, und sie zogen ins Tor,
70
Und Ellen sang, wie sie bliesen:
71
»nun sind sie gekommen wie Feuer vom Herrn,
72
Der Name des Herrn sei gepriesen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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