Der Bildhauer des Hadrian

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Emanuel Geibel: Der Bildhauer des Hadrian (1833)

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So steht nun schlank emporgehoben
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Der Tempelhalle Säulenrund;
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Getäfelt prangt die Kuppel droben,
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Von buntem Steinwerk glänzt der Grund.
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Und hoch aus Marmor hebt sich dorten
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Das Bild des Donnrers, das ich schuf;
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Du rühmst es, Herr, und deinen Worten
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Folgt tausendstimm'ger Beifallsruf.

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Und doch, wie hier vor meinen Blicken
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Das eigne Werk sich neu enthüllt,
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Mich selber will es nicht erquicken,
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Und fast wie Scham ist, was mich füllt.
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Ob nichts am hohen Gleichmaß fehle,
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Ob jedem Sinn genug getan:
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Kein Schauer quillt in meine Seele,
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Kein Unnennbares rührt mich an.

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O Fluch, dem diese Zeit verfallen,
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Daß sie kein großer Puls durchbebt,
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Kein Sehnen, das, geteilt von allen,
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Im Künstler nach Gestaltung strebt,
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Das ihm nicht Rast gönnt, bis er's endlich
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Bewältigt in den Marmor flößt
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Und so in Schönheit allverständlich
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Das Rätsel seiner Tage löst!

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Wohl bänd'gen wir den Stein und küren,
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Bewußt berechnend, jede Zier,
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Doch, wie wir glatt den Meißel führen,
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Nur vom Vergangnen zehren wir.
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O trostlos kluges Auserlesen,
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Dabei kein Blitz die Brust durchzückt!
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Was schön wird, ist schon dagewesen,
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Und nachgeahmt ist, was uns glückt.

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Der Kreis der Formen liegt beschlossen,
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Die einst der Griechen Geist beseelt;
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Umsonst durchtasten wir verdrossen
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Ein Leben, dem der Inhalt fehlt.
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Wo lodert noch ein Opferfunken?
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Wo blüht ein Fest noch, das nicht hohl?
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Der Glaub' ist, ach, dahingesunken,
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Und toter Schmuck ward sein Symbol.

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Sieh her, noch braun sind diese Haare,
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Und nicht das Alter schuf mich blaß;
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Doch gäb' ich alle meine Jahre
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Für
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Nicht weil des Volks verstummend Gaffen,
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Der Welt Bewundrung ihm gelohnt;
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Nein, weil der Zeus, den er geschaffen,
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Ihm selbst, ein Gott, im Sinn gethront.

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Das war sein Stern, das war sein Segen,
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Daß ihn mit ungebrochnem Flug
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Der höchsten Urgestalt entgegen
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Der Andacht heil'ger Fittich trug.
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Er durft' im Reigen der Erkornen
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Voll Glanz noch den Olympos sehn,
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Indes wir armen Nachgebornen
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In götterloser Wüste stehn.

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Da uns der Himmel ward entrissen,
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Schwand auch des Schaffens himmlisch Glück;
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Wohl wissen wir's, doch alles Wissen
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Bringt das Verlorne nie zurück.
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Und keine neue Kunst mag werden,
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Bis über dieser Zeiten Gruft
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Ein neuer Gott erscheint auf Erden
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Und seine Priesterin beruft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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