Bei Kap Misenum winkt' ein fürstlich Haus

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Emanuel Geibel: Bei Kap Misenum winkt' ein fürstlich Haus Titel entspricht 1. Vers(1833)

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Bei Kap Misenum winkt' ein fürstlich Haus
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Aus Lorbeerwipfeln zu des Meeres Küsten
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Mit Säulengängen, Mosaiken, Büsten
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Und jedem Prunkgerät zu Fest und Schmaus.
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Oft sah es nächtlicher Gelage Glanz,
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Wo lock'ge Knaben, Efeu um die Stirnen,
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Mit Bechern flogen, silberfüßige Dirnen
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Den Thyrsus schwangen in berauschtem Tanz,
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Und Jauchzen scholl, Gelächter, Saitenspiel,
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Bis auf die Gärten rings der Frühtau fiel.

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Doch heut, wie stumm das Haus! Nur hier und dort
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Ein Fenster hell. Und wo die Säulen düstern,
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Wogt am Portal der Sklaven Schwarm mit Flüstern,
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Es kommen Sänften, Boten sprengen fort;
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Und jedesmal dann zuckt umher im Kreise
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Ein Fragen, das nur scheu um Antwort wirbt:
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»was sagt der Arzt? Wie steht es« – »Leise, leise!
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Zu Ende geht's; der greise Tiger stirbt.«

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Bei matter Ampeln Zwielicht droben lag
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Der kranke Cäsar auf den Purpurkissen.
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Sein fahl Gesicht, von Schwären wild zerrissen,
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Erschien noch grauser heut, als sonst es pflag.
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Hohl glomm das Auge. Durch die Schläfe wallte
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Des Fiebers Glut, daß jede Ader schlug;
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Niemand war bei ihm als der Arzt, der alte,
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Und Macro, der des Hauses Schlüssel trug.

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Und jetzt mit halbersticktem Schreckensruf
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Aus seinen Decken fuhr empor der Sieche,
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Hochauf sich bäumend: »Schaff' mir Kühlung, Grieche!
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Eis! Eis! Im Busen trag' ich den Vesuv.
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O wie das brennt! Doch grimmer brennt das Denken
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Im Haupt mir; ich verfluch' es tausendmal
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Und kann's doch lassen nicht zu meiner Qual;
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O gib mir Lethe, Lethe, mich zu tränken! –
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Umsonst! Dort wälzt sich's wieder schon heran
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Wie Rauchgewölk und ballt sich zu Gestalten –
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Sieh, von den Wunden heben sie die Falten
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Und starren mich gebrochnen Auges an,
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Germanicus und Drusus und Sejan –
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Wer rief euch her? Kann euch das Grab nicht halten?
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Was saugt ihr mit dem Leichenblick, dem stieren,
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An meinem Blut und dörrt mir das Gebein?
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's ist wahr, ich tötet' euch; doch mußt' es sein.
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Wer hieß im Würfelspiel euch auch verlieren!
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Hinweg! – Weh mir! Wann endet diese Pein!«

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Der Arzt bot ihm den Kelch; er sog ihn leer
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Und sank zurück in tödlichem Ermatten;
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Dann aus den Kissen blickt' er scheu umher
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Und frug verstört: »Nicht wahr? Du siehst nichts mehr?
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Fort sind sie, fort, die fürchterlichen Schatten –
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Vielleicht auch war's nur Dunst. – Doch glaube mir,
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Sie kamen oft schon nachts, und wie sie quälen,
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Das weiß nur ich. – Doch still! – Komm, setz' dich hier,
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Nah, nah; von anderm will ich dir erzählen.

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»auch ich war jung einst, traut' auf meinen Stern
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Und glaubt' an Menschen. Doch der Wahn der Jugend
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Zerstob zu bald nur; und, ins Innre lugend,
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Verfault erfand ich alles Wesens Kern.
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Da war kein Ding so hoch und bar der Rüge,
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Der Wurm saß drin; aus jeder Großtat sahn
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Der Selbstsucht Züge mich versteinernd an,
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Lieb', Ehre, Tugend, alles Schein und Lüge!
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Nichts unterschied vom reißenden Getier
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Dies Kotgeschlecht, als im ehrlosen Munde
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Der Falschheit Honig und im Herzensgrunde
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Die größre Feigheit und die wildre Gier.
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Wo war ein Freund, der nicht den Freund verriet?
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Ein Bruder, der nicht Brudermord gestiftet?
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Ein Weib, das lächelnd nicht den Mann vergiftet?
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Nichtswürdig alle – stets dasselbe Lied.
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Da ward auch ich wie sie. Und weil nur Schrecken
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Sie zähmte, lernt' ich Schrecken zu erwecken;
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Und Krieg mit ihnen führt' ich. Zum Genuß
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Ward ihre Qual mir, ihr verendend Röcheln,
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Ich schritt ins Blut hinein bis zu den Knöcheln –
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Doch auch das Grausen wird zum Überdruß.
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Und jetzt, nur noch gequält vom Strahl des Lichts,
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Matt, trostlos, reulos starr' ich in das Nichts.«

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Sein Wort ging tonlos aus; er keuchte leis
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Im Krampf, von seinen Schläfen floß der Schweiß,
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Und graß verstellt, wie eine Larve, sah
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Sein blutlos Antlitz. Zu des Lagers Stufen
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Trat Macro da: »Soll ich den Cajus rufen,
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Herr, deinen Enkel, den Caligula?
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Du bist sehr krank –«
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Doch jener: »Schlange, falle
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Mein Fluch auf dich! Was geht dich Cajus an!
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Noch leb' ich, Mensch. Und Cajus ist wie alle,
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Ein Narr, ein Schurk', ein Lügner, nur kein Mann!
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Und wär' er's, frommt' es nicht; kein Held verjüngt
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Rom und die Welt, wie er mit Blut sie düngt.
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Wenn's Götter gäb', auf diesem Berg der Scherben
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Vermöcht' ein Gott selbst nicht mehr Frucht zu ziehn,
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Und nun der blöde Knab'! Nein, nein, nicht ihn,
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Die Rachegeister, welche mich verderben,
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Die Furien, die der Abgrund ausgespien,
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Sie und das Chaos setz' ich ein zu Erben!
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Für sie dies Szepter! –«
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Und im Schlafgewand
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Jach sprang er auf, und wie die Glieder flogen
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Im Todesschweiß, riß er vom Fensterbogen
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Den Vorhang fort und warf mit irrer Hand
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Hinaus den Stab der Herrschaft in die Nacht.
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Dann schlug er sinnlos hin.
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Im Hofe stand
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In sich vertieft ein Kriegsknecht auf der Wacht,
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Blondbärtig, hoch. Zu dessen Füßen rollte
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Des Szepters rundes Elfenbein und sprang
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Vom glatten Marmorgrund mit hellem Klang
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An ihm empor, als ob's ihn grüßen wollte.
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Er nahm es auf, unwissend, was es sei,
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Und sank zurück in seine Träumerei.
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Er dacht' an seinen Wald im Wesertal:
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Die düstern Wipfelkronen sah er ragen;
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Er sah am Malstein die Genossen tagen,
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Blank jedes Wort wie ihrer Streitaxt Stahl,
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Und treu die Hand zum Sühnen wie zum Schlagen.
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Und an sein liebes Weib gedacht' er dann;
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Er sah sie sitzen an des Hüttleins Schwelle
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Im langen gelben Haar, wie sie, mit Schnelle
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Die Spindel wirbelnd, in die Ferne sann,
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Wohl her zu ihm; und vor ihr spielt am Rain
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Sein Knabe, der den ersten Speer sich schnitzte,
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Und dem so kühn das blaue Auge blitzte,
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Als spräch's: Ein Schwert nur, und die Welt ist mein!
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Und plötzlich floß dann – wie, verstand er kaum –
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Ein andres Bild in seinen Heimatstraum;
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Vor seine Seele drängt' es sich mit Macht,
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Wie er dereinst in heißen Morgenlanden
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Als Wacht an eines Mannes Kreuz gestanden,
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Bei dessen Tod die Sonn' erlosch in Nacht.
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Wohl lag dazwischen manch durchstürmter Tag,
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Doch konnt' er nie des Dulders Blick vergessen,
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Darin ein Leidensabgrund unermessen
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Und dennoch alles Segens Fülle lag –
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Und nun – wie kam's nur? – über seinen Eichen
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Sah er dies Kreuz erhöht als Siegeszeichen,
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Und seines Volks Geschlechter sah er ziehn,
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Unzählig, stromgleich; über den Gefilden
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Von Waffen wogt' es; und auf ihren Schilden
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Stand jener Mann, und Glorie strahlt' um ihn.

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Da fuhr er auf. Aus des Palastes Hallen
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Kam dumpf Geräusch; der Herr der Welt war tot;
144
Er aber schaute kühn ins Morgenrot
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Und sah's wie einer Zukunft Vorhang wallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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