Die fernen Flöten hör' ich schallen

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Emanuel Geibel: Die fernen Flöten hör' ich schallen Titel entspricht 1. Vers(1833)

1
Die fernen Flöten hör' ich schallen,
2
Der Feierhymnus wogt darein;
3
Es wälzt sich zu des Tempels Hallen
4
Des Volkes Strom im Morgenschein.
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Der Knaben rote Fackeln strahlen
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Auf weißer Festgewandung Zier;
7
Die Priester tragen goldne Schalen
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Und führen den bekränzten Stier.

9
Wohl möcht' ich mit den andern ziehen
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Und jubeln in des Opfers Rauch;
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Doch auf den Stufen, da sie knieen,
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Umsäuselt mich kein Lebenshauch.
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Der Kindheit milde Schleier sanken,
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Die mich umfangen lieb und eng,
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Und vor dem siegenden Gedanken
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Erlag der Götter bunt Gedräng'.

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Doch wie sich des Olymps Gestalten
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Gleich Träumen lösten nebelhaft,
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Da war es mir, als flöss' ihr Walten
20
Zurück in
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Aus allem, was der Tag vollendet,
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Spricht göttlich hoch ein
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Und meine Seele stürzt geblendet
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Vor dieses Reichtums Füllen hin.

25
O du, den ich zu nennen zage,
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Du ew'ger Geist, des reines Licht
27
Noch durch den Dunst der Göttersage
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In tausend Farben spielend bricht;
29
Den sie in tausend Bildern ehren,
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Und dem doch nie ein Bildnis glich,
31
Du, den ich nimmer kann entbehren,
32
Du Einziger, wie fass' ich dich!

33
Im Weltall sucht' ich ohn' Ermatten
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Dich zu ergründen voll und ganz;
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Doch nachts verhüllst du dich in Schatten
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Und birgst am Tage dich im Glanz.
37
Und wenn das Morgenrot mich weckte,
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Und überglüht aus meinem Traum
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Die Hand ich tastend darnach streckte:
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Es war nur deines Kleides Saum.

41
Wohl ruft der Donner deinen Namen,
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Wohl zeigt der Blitz uns deine Spur;
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Doch, ob sie deine Boten kamen,
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Sie bringen
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O, was von dir die Dinge stammeln
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Mit dunkelm Deuten fort und fort.
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Wirst du's, Erhabner, nie versammeln
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In ein lebendig klares Wort?

49
Wird nie dein liebender Gedanke
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Voll Wehmut über unser Leid
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Herab sich neigen in die Schranke
52
Der sehnsuchtbangen Sterblichkeit?
53
Wirst nie dein blendend Licht du lassen,
54
Dich nah und menschlich kundzutun,
55
Daß wir mit Armen dich umfassen
56
Und fromm an deinem Busen ruhn?

57
Ach, tief in meiner Seele Grunde,
58
Da schläft ein Ahnen wundervoll:
59
Der Lauf der Zeiten bringt die Stunde,
60
Da solches Heil geschehen soll.
61
O selig, denen du dein Wesen
62
Dann sichtbar hold entgegensenkst,
63
Die du zu himmlischem Genesen
64
Aus deines Lebens Adern tränkst!

65
Dann wird der Baum der Menschheit grünen;
66
Dann werden ihren alten Zwist
67
Der Himmel und die Erde sühnen
68
Durch den, der beider teilhaft ist.
69
Ein sanftes Leuchten wird durchdringen
70
Des Schicksal unverstandne Pein;
71
Das Leben wird den Tod verschlingen,
72
Und ein Gesetz der Liebe sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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