Die Erde

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Emanuel Geibel: Die Erde (1833)

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Wohl hast du einst mit hoher Wonne
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Mein junges Herz getränkt, Natur,
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Wenn mich der Glanz der Frühlingssonne
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Zur Ferne zog durch Wald und Flur;
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Vertieft in mich, mit halbem Lauschen
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An deinen Wundern streift' ich hin
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Und wob in all dein Blühn und Rauschen
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Der eignen Brust geheimsten Sinn.

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Doch heilig-ernster ist die Feier,
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Damit du jetzt mein Herz umwebst,
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Wenn du den falt'gen Isisschleier
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Vom hohen Antlitz lüftend hebst;
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Wenn du vom Reiz der bunten Schale
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Mein Auge still zur Tiefe lenkst
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Und aus des heut'gen Tages Strahle
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Ins Dämmerlicht der Urzeit senkst.

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Da offenbart im Schwung der Auen,
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In schwarzer Grotten Säulenschoß
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Sich mir der Welle leises Bauen,
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Des Feuers jacher Zornesstoß;
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Da singt der Gurt geborstner Schichten
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Ein heilig Lied mir vom Entstehn
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Und läßt in wandelnden Gesichten
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Die Schöpfung mir vorübergehn.

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Und wieder schau ich's, wie mit Toben,
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Vom unterird'schen Dunst gedrängt,
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Der flüss'ge Kern des Erdballs droben
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Die meergebornen Krusten sprengt;
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Wie er, ein Strom von zähen Gluten,
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Bis in die Wolken rauchend stürmt
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Und über Täler dann und Fluten
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Zergipfelt zum Gebirg' sich türmt.

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O Riesenkampf der Urgewalten,
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Drin eine Welt sich gärend rührt,
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Der von Gestalten zu Gestalten
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Mich auf ein letzt Geheimnis führt!
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Denn wie ich rastlos rückwärts dringe
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Von Form zu Form, erlischt die Spur;
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Ich steh' am Abgrund, draus die Dinge
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Der erste Lebenspuls durchfuhr.

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Da fällt ins zagende Gemüte
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Ein Glanz aus tiefsten Tiefen mir:
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»im Anfang war die ew'ge Güte,
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Und tausend Engel dienen ihr!«
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Und wie sie licht in Flammen wallen,
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In Fluten brausen allerorts,
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Empfind' ich schauernd über allen
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Den Hauch des unerschaffnen Worts.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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