Mein Friedensschluß

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Emanuel Geibel: Mein Friedensschluß (1833)

1
Wohl netzt' ich heiß mit Tränen meine Pfühle
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Und rang in Qualen, mich emporzuhalten;
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Denn furchtbar brannte dieser Zeiten Schwüle.

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Es lag die Welt in grimmem Kampf zerspalten,
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Und zu der Heere keinem konnt' ich stehen;
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Hier sah ich Wahnsinn, dort Verstocktheit walten.

7
Das allertiefste Weh war mir geschehen;
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Denn meiner Sehnsucht Bild, nun war's gekommen,
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Doch wüst verzerrt, ein Greuel anzusehen.

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Das trieb mich rastlos um, von Gram beklommen;
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Doch endlich, als ich lange Nächt' und Tage
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Gerungen, ward von mir die Last genommen.

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Nur wem das Schicksal stumm ist, der verzage;
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Zu wem der Gott spricht aus der Weltgeschichte,
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Dem singt er Trost zuletzt zur Zeit der Plage.

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Durch blasse Dämmrung führt er ihn zum Lichte
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Und zeigt ihm wie von hoher Bergeszinne,
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Vergangnes und Zukünft'ges im Gesichte.

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Und so von ihm geleitet ward ich inne:
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Es kämpft sich ein Gedank' in brünst'gem Hoffen
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Durch jede Zeit, daß er Gestalt gewinne.

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Doch in den Staub geboren weist er offen
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Nicht gleich sein Antlitz; Geist und Bild sind zweie;
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Verhüllt erst glüht er unter niedern Stoffen.

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Durch mißgeschaffner Formen lange Reihe
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Die Seelenwandrung hat er zu vollenden,
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Bis er verklärt erglänzt im Licht der Weihe.

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So rang der Vorwelt Sehnsucht aller Enden
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Zum Schönen; doch bis sie's gelernt zu fassen,
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Wie tastete sie lang mit schweren Händen!

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Wie lange band sie Dinge, die sich hassen,
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Im Bau der Sphinx, im Zwitterleib des Greifen
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Und türmte schwunglos trübgedrückte Massen.

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Und dennoch lag im Wilden, Rohen, Steifen
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Der Keim schon, der bestimmt war, einst im Bilde
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Der Schaumgebornen wonnig auszureifen,

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Wie sie mit Götterlächeln die Gefilde
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Durchzieht und tausend Blumen weckt im Schreiten,
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Ganz Liebreiz, ganz Holdseligkeit und Milde. –

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Nun geht der Freiheit Geist durch
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Die Massen rührt er, daß sie sich getrauen,
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Nach dumpfem Sinn den Leib ihm zu bereiten.

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Doch eine Binde liegt um ihre Brauen,
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Ihr Tun ist maßlos, fiebrisch ihr Gebärden;
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Nur eine Götzin schaffen sie voll Grauen.

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Und tausend Opfer fallen ihr auf Erden,
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Denn ihre Satzung ist mit Blut geschrieben.
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Das sind Geburtswehn; anders wird es werden.

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Das Bild, aus krankem Sinn emporgetrieben,
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Drin sphinxgestaltig Mensch und Tier sich einen,
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Zerberstend wird's dahin in Aschen stieben.

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In reinerem Gefäß dann wird erscheinen
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Der heil'ge Funke, seine Kraft zu proben,
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Denn jede Wandlung läßt ihm mehr vom Seinen;

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Bis endlich, wie die Schönheit aus dem Toben
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Des Meers, die Göttin aufsteigt aus den Schlacken,
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Unschuldig, auf der Stirn den Strahl von oben,

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Im Glanzgelock ruht statt der Krone Zacken
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Der Kranz ihr von des Ölbaums Silberlaube,
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Und alle Welt beugt feiernd ihr den Nacken.

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Die Stunde, da sie so entschwebt dem Staube,
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Nicht träum' ich, noch mit Augen sie zu grüßen,
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Doch auch verzweifeln läßt mich nicht mein Glaube.

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Er gibt mir Kraft, zu stehn auf franken Füßen,
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Den Spiegel jedem Zerrbild kühn zu zeigen
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Und doch dem Keim zu huld'gen drin, dem süßen.

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Und weil ich muß beim Kampf des Tages schweigen,
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Den Larven schlagen, hab' ich aufgerichtet
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Dies Lied als Mal, daß ich der Freiheit eigen.

70
In ihrer Zukunft Sinn hab' ich gedichtet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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