Aus Griechenland

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Emanuel Geibel: Aus Griechenland (1833)

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Ich saß im Abendschein
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Auf Naxos' Traubenklippe;
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Der Krug mit dunklem Wein
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Erfrischte meine Lippe.

5
Da sah ich, wie im Tal
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Mit Frucht und Silberblüten
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Die Gärten sonder Zahl
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Im Sonnenduft verglühten;

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Ich sah am Fels empor
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Hoch über luft'gen Stiegen,
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Reblaub um Säul' und Tor,
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Die schmucken Häuser liegen;

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Ich sah der Herde Zug,
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Den Hirten mit dem Stabe,
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Die Jungfrau schöpft' im Krug
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Am Bach die frische Labe.

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Und ferne blitzt' im Ring
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Das Meer vergoldet wieder,
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Denn hinter Paros ging
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Die Sonne langsam nieder.

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Da kam's mir ins Gemüt:
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Hier unter diesem blauen
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Gezelt, wo's ewig blüht,
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Wie gut wär's Hütten bauen!

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Es würde dir der Baum,
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Es würden Feld und Reben
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Dir mühlos wie im Traum
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Des Lebens Notdurft geben.

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Ein Weib von dieses Lands
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Gottähnlichem Geschlechte,
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Sie flöchte Liebesglanz
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In deine Tag' und Nächte.

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Nicht in gelahrten Wust,
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In Nebel nicht begraben,
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Genössest du mit Lust
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Der großen Mutter Gaben.

37
Du sähst im Sonnenschein
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Ihr formenbildend Walten
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Und dürftest weise sein
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Und heiter wie die Alten.

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So träumt' ich vor mich hin
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In selig Schaun versunken,
43
Es war mein ganzer Sinn
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Vom Glanz des Südens trunken.

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Doch froh gedacht' ich's kaum,
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Da sprach das Herz mit Beben:
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Das ist ein schöner Traum,
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Doch ist's ein Traumbild eben.

49
Wie sollte dir, o Tor,
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Erblühen Rast und Friede,
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Wo nimmermehr ein Ohr
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Aufhorchte deinem Liede!

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Bei Palm' und Rebgewind'
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Bald würde dich's verlangen
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Zum Wald, wo du als Kind
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Vertieft dahingegangen.

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Von deinem Volke los
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Und seinem Kampf und Trachten
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Müßt' aller Füll' im Schoß
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Dein einsam Herz verschmachten.

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Und ob ein griechisch Weib,
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Schön wie die Morgenröte,
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Dir freudig Seel' und Leib
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Zum Eigentume böte:

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Es könnt' ihr fremder Brauch,
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Ihr südlich Tun und Denken
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Dir nie den Veilchenhauch
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Der deutschen Minne schenken.

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Drum auf, genieße frei
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Den Glanz, der dich umwebet!
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Nur wie die Biene sei,
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Die leicht im Sammeln schwebet.

73
Im Ölwald Attikas,
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Am Strand Homers erringe
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Der Schönheit ew'ges Maß,
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Daß es dein Lied durchdringe.

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Erfülle pilgernd hier
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In tiefen Atemzügen
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Die ganze Seele dir
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Mit heiterem Genügen;

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Doch wolle Stab und Gurt
82
Nicht rastend von dir legen;
83
Das Größt' ist die Geburt,
84
Und nur daheim ist Segen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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