Mythus vom Dampf

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Emanuel Geibel: Mythus vom Dampf (1833)

1
Es ruht auf klarem Perlenthrone
2
Die Meerfei im Kristallpalast,
3
Der Feuergeist mit güldner Krone
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Durchschweift die Lüfte sonder Rast;
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Sie meiden sich mit finsterm Grollen,
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Sie stören, was des andern ist;
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So lang des Erdballs Achsen rollen,
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Währt unversöhnt ihr grimmer Zwist.

9
Da fängt in erzgetriebnen Schranken
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Der Mensch, der Schöpfung Herr, die zwei,
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Daß dienstbar seines Haupts Gedanken
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Ihr ungestümes Walten sei.
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Er bändigt ihren Grimm gelassen,
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Er gibt dem dumpfen Trieb das Ziel;
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Ins Brautbett zwingt er, die sich hassen,
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Zu unerhörtem Minnespiel.

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Und sieh, aus ihrem dunkeln Bunde,
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Aus Lieb' und Abscheu, Brunst und Kampf
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Erwächst in mitternächt'ger Stunde
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Das starke Riesenkind, der Dampf.
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Mit wildem Tosen hochgestaltig
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Entspringt er aus der Wiege Haft,
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Durch all sein Wesen gärt gewaltig
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Des Vaters Zorn, der Mutter Kraft.

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Er fühlt's in seinen Adern sieden,
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Ihm dünkt kein Werk zu schwer, zu groß,
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Doch ach, es ward ihm nicht beschieden
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Ein Feld des Ruhms, ein Heldenlos.
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Nicht darf er in die Wolken greifen,
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Nicht spielen mit des Blitzes Loh'n,
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In Lüften nicht die Welt durchschweifen,
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Ein freigeborner Königssohn.

33
Nein, wo der Mensch von Eisenschienen
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Sein unabsehbar Netz gespannt,
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Da muß in hartem Fron er
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Ein Herkules im Knechtsgewand,
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Da muß er mit des Windes Flügel
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Wettlaufen in erglühter Hast
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Und über Heide, Strom und Hügel
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Dahinziehn die getürmte Last.

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Des Mühlrads ungeheure Speichen
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Muß er im Schwunge rastlos drehn,
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Ans Schiff geschmiedet muß er keichen
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Als Ruderknecht bei Sturmeswehn,
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Er muß den Riesenhammer führen
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Zu ewig wiederholtem Schlag,
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Des Webstuhls Spulen sausend rühren;
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Ein neues Werk bringt jeder Tag.

49
Seit Jahren trägt er's, doch im stillen
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Gedenkt er seines Stammes noch,
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Und feindlich allem Menschenwillen,
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Ingrimmig knirscht er in sein Joch.
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O wenn von seiner Kraft getrieben
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Ihr nachts durchflogt ein weit Gebiet,
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Vernahmt ihr bei der Funken Stieben,
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Vernahmt ihr nie sein dräuend Lied?

57
»frohlocket nur, ihr Herrn der Erde!
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Ihr Staubgebilde, bläht euch nur,
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Daß ihr uns herzwangt zur Beschwerde,
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Die alten Götter der Natur!
61
Ein schnöder Raub ist eure Krone,
62
Ein Hochverrat ist euer Ruhm;
63
Denn uns verstießet ihr vom Throne
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Und teiltet unser Fürstentum.

65
Wohl dienen wir euch nun als Knechte
66
Und dulden eurer Geißel Schlag;
67
Doch murren wir im Schoß der Nächte
68
Und harren auf der Sühnung Tag.
69
Es bleibt des Glückes Sonnenwende
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Für kein Geschlecht von Herrschern aus;
71
Auch euer Reich hat einst ein Ende!
72
Auch euer Bau zerfällt in Graus!

73
Wenn ihr dereinst in Eisenbande
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Des letzten Eilands Wildnis schlugt,
75
Wenn prunkend ihr durch alle Lande
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Die Fackel stolzer Weisheit trugt,
77
Wenn dann von euren Königsesseln
78
Ihr greifet nach des Himmels Schein:
79
Dann springen jählings unsre Fesseln,
80
Dann bricht der Tag des Zorns herein.

81
Dann wird des Vaters Krone blitzen,
82
Und jeder Blitz ist Weltenbrand;
83
Dann wird bis zu der Berge Spitzen
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Die Mutter ziehn ihr Schaumgewand;
85
Dann will ich selbst auf freier Schwinge
86
Durchs All, Zerstörung brausend, wehn
87
Und überm Trümmersturz der Dinge
88
Aufjauchzen und ins Nichts vergehn.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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