Schicksalslied

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Emanuel Geibel: Schicksalslied (1833)

1
Starr und unwandelbar
2
Mit ehernen Füßen
3
Durch Zeit und Wechsel
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Schreitet das Schicksal,
5
Nach ewiger Satzung
6
Unerbittlich
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Segen lohnend mit Segen,
8
Fluch mit Fluch.

9
Hat die Erde
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Blut getrunken,
11
Aus der rauchenden Scholle
12
Mit dem Schlangengelock
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Steigt die Erinnys;
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Nimmer müde,
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Dem lechzenden Spürhund gleich,
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Keucht sie nach der Fährte des Frevlers
17
Und singet Eulengesang
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In seine Träume.

19
In selbstgewürktem Netze
20
Unentrinnbar
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Fesselt sie den Flüchtling;
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Sein einzeln Haupt
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Trifft sie grollend,
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Trifft zugleich
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Des fluchgezeugten Enkels Schläfe;
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Sie legt die Fackel
27
An den Prachtbau
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Ganzer Geschlechter;
29
Riesig wachsend
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Über Völker und Reiche
31
Gießt sie die volle
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Schale des Zorns.

33
Aber neben
34
Der Hochherdräuenden,
35
Wie Mond durch Nächte,
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Wandelt auf schwebenden
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Sohlen die Gnade,
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Himmlisch Erbarmen im Angesicht.

39
Wehe, wer trotzig
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Finsteren Auges
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Vorüberschreitet
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Der lichten Gestalt;
43
Verfallen ist er
44
Dem eisernen Spruche
45
Der unerbittlichen Rächerin,
46
Und seiner Frevel
47
Wird ihm keiner geschenkt.

48
Aber den Reuigen,
49
Der mit flehenden Armen
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Sich an den Saum
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Der Himmlischen klammert
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Und selbst die achtlos
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Weiterschreitende
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Nimmer losläßt:
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Lächelnd endlich
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Hebt sie empor ihn,
57
Und wie einst Pallas
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Mit dem Gorgoschilde
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Den fluchbeladnen
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Orestes deckte,
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Deckt sie ihn
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Mit silbernem Schleier,
63
Daß ihn die zürnende
64
Schwester nicht schaut.

65
Leis auch verwandelt
66
Sie den Geretteten;
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Sein blutig Gewand
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Wird weiß wie Wolle
69
Junger Lämmer,
70
Und den Entsühnten
71
Führt sie geflügelt
72
Hinauf an das Herz
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Des ewigen Vaters.

74
Wähl', o Sterblicher:
75
Willst du wohnen
76
Im Bann des Schicksals,
77
Untertan
78
Unbeugsamer Satzung?
79
Willst in der himmlischen
80
Retterin Arme
81
Gläubig dich flüchten?
82
Dein ist die Wahl.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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