Wie König Sigurd Hochzeit hielt

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Emanuel Geibel: Wie König Sigurd Hochzeit hielt (1833)

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Bei der Sigurdsflotte nicht weit vom Feld der Schlacht
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Lag ein Schiff gerüstet mit wundersamer Pracht,
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Die Masten und die Stangen gebaut aus edlem Holz,
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Dran sah man Wimpel prangen und Flaggen reich und stolz.

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Von schneeweißem Linnen das Segel war zur Fahrt,
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Man hatte an den Tauen der Seide nicht gespart,
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Silbern schien der Anker, es war des Steuers Griff
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Aus blankem Erz getrieben. Das war das Hochzeitsschiff.

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Am Ufer bei dem Schiffe König Sigurd stand;
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Fröhlich war sein Herze, und purpurn sein Gewand.
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Voll heißer Inbrunst harrt' er der holdsel'gen Maid,
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Daß Ragnar sie brächte. Doch oft wird Lust verkehrt in Leid.

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Es kam des Wegs vom Schlosse daher der junge Held;
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So hanget wohl ein Wetter düster überm Feld,
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Eh' es tobend ausbricht in Blitz und Donnerschlag,
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Wie auf der Stirn des Knaben des Grames Wolke lag.

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Ihm folgten sieben Degen in Helm und Panzerring,
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Sie trugen eine Bahre, darob ein Teppich hing.
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Langsam schritten alle, mit Blicken trauervoll
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Grüßten sie den König, daß bangend ihm die Seele schwoll.

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Da sprach Ragnar der Junge: »Ich habe schlechten Gruß,
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Eitel Rabenbotschaft ist, was ich künden muß.
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Wohl bring' ich dir Alfsonnen, wie dein Spruch gebot;
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Doch wirst du nie sie minnen, geminnt hat sie der bleiche Tod.«

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Er winkte den Genossen, daß sie aus der Hand
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Die Bürde setzen möchten. Dann schlug er das Gewand
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Zurück von der Bahre, die faltig es bedeckt:
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Da lag die schöne Jungfrau tot dahingestreckt.

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Sie lag in Mohn und Lilien als wie ein schlafend Bild,
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Zugedrückt die Augen, verfärbt die Wangen mild,
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Im weißen Linnenkleide, jeden Schmuckes bar,
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Ihr einzig Goldgeschmeide das sonnig leuchtende Haar.

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Da sie der König sahe, die schneeblasse Maid,
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Ihm war's, als führe plötzlich durch all sein Eingeweid'
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Ein zweischneidig Eisen. Zum Himmel auf er schrie.
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Er hatte nimmer Minne getragen heiß wie die.

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Keine Träne weint' er; starr blieb er stehn
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Mit vorgesunknem Antlitz. Wer ihn da gesehn:
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Er hätt' ihn wohl gehalten für ein Bild von Stein.
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Da ward ein tiefes Schweigen durch aller Kämpen Reihn.

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Lange sonder Regung gebeugt stand Sigurd Ring;
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Dann warf empor das Haupt er, von seinen Augen ging
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Ein freudevolles Funkeln, es zuckten seine Braun
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In kühnem Heldentrutze; gewaltig war er anzuschaun.

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Er sprach: »Es schuf die Norne mir ungefügen Gram,
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Da sie mir im Zorne den Preis des Kampfes nahm;
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Daß sie mich selbst verschonte, weiß ich ihr nicht Dank.
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Was frommt es mir, zu leben, wenn meine Sonne sank!

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Siebenzig Jahre trug ich mein Schwert bei Fest und Krieg;
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Hundert Schlachten schlug ich, und mein war der Sieg.
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Nun mag ich nicht verkümmern sonder Klang und Strahl,
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Ein elender Greise daheim im öden Saal.

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Auch hab' ich mich verschworen mit einem teuren Eid,
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Nimmer heimzukehren denn mit der holden Maid.
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Ich müßte Schmach erwerben, bräch' ich's ohne Not;
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Nein, besser ist's zu sterben einen königlichen Tod.

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Auf, schaffet von der Walstatt die Erschlagnen all
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Und türmt sie aufeinander zu einem Leichenwall
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Auf dem Deck des Schiffes! Mir deucht, es sind genug,
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Daß ich gen Walhall fahre mit reisigem Heereszug.

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Doch ans Steuerruder bei des Lotsen Stand
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Sollt ihr Alfsonnen legen und einen Fichtenbrand
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Hoch daneben pflanzen in hellem Flammenschein.
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Das soll bei meiner Feier die Hochzeitfackel sein.

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Fahr wohl, Ragnar, mein Knabe, dir geb' ich Kron' und Reich;
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Ihr auserlesnen Degen, ich grüß' euch allzugleich;
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Fahrt wohl und lasset wallen die Banner hoch im Wind!
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Laßt die Pauken schallen! das Brautfest beginnt.«

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Das Schiff war gerüstet, hinein der König trat;
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Niemand durft' ihm folgen auf dem schmalen Pfad.
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Das Ankertau zerhieb er, dann löst' er ruhevoll
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Die Seile an den Linnen, daß frisch im Wind das Segel schwoll.

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Unter Skaldenliedern das Schiff zog die Bahn
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Hinaus zur blauen Weite. Es glitt als wie ein Schwan
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Der Abendsonn' entgegen. Am Steuer Sigurd stand,
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Es schwang der alte Degen den sprühenden Fichtenbrand.

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Da lief empor am Segel ein glutroter Schein,
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Geschleudert war die Fackel ins dürre Holz hinein;
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Rauchgewölke zogen. Dann brach ein Flammenkranz
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Empor um Mast und Stangen, es stand das Schiff in Feuer ganz.

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Die Lohen schlugen mächtig und spiegelten im Meer,
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Vom Ufer zog prächtig des Liedes Schall daher,
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Bis in der feuchten Tiefe Schiff und Glut verging.
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Da war der Held bestattet. Das ist das Lied von Sigurd Ring.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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