Jünglings Zorn und Lieben ist Flamm' in Stroh und Dorn

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Emanuel Geibel: Jünglings Zorn und Lieben ist Flamm' in Stroh und Dorn Titel entspricht 1. Vers(1833)

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Jünglings Zorn und Lieben ist Flamm' in Stroh und Dorn,
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Doch wie glühend Eisen ist Greises Lieb' und Zorn:
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Das mußten bald erfahren die kühnen Brüder beid',
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Dazu Alfsonn' im Goldhaar zu übergroßem Leid.

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Es war die Zeit gekommen, da im grünen Hag
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Man kühle Schatten suchet, und Nachtigallenschlag
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An den Brünnlein schallet: da kam, den Sporn voll Blut,
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Ein Reiter gen Alfheim, des Kunde war nicht gut.

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Er sprach: »Es hat entboten bei lautem Hörnerschall
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Sigurd der Vielgrimme seine Degen all;
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Mit Rossen und Streitwagen zieht er nun daher
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Auf mehr denn hundert Schiffen. So viele trug noch nie das Meer.

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Auch hat er sich verschworen mit einem teuern Eid,
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Nimmerdar von Alfheim zu kehren aus dem Streit,
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Ohne mit Alfsonnen. Nun pfleget Rats geschwind!
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Der König zaudert nimmer und fährt mit gutem Wind.«

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Da sprach der junge Erek: »Das geht an unsern Leib,
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Es sei denn, daß die Schwester würde Sigurds Weib;
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Doch möcht' ich des entraten. Es müßt' im Eis vergehn
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Traurig unser Röslein.« – »Das soll«, sprach Alf, »niemals geschehn.

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Lieber will ich liegen auf der Heide breit
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Im blutgefärbten Ginster, ja, lieber mag die Maid
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Ihr jungfrisches Leben veratmen in den Wind,
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Eh' sie wird des Greisen, den ihr Herz nicht minnt.«

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Am hohen Bogenfenster von ihren Sorgen schwer
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Red'ten so die beiden; da sahn sie übers Meer
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Viel weiße Segel kommen wie mit Schwalbenflug;
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Das war die Sigurdsflotte, nicht enden wollte der Zug.

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Auf den Schiffen blitzt' es und gleißt' im Sonnenlicht
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Von blanken Stahlpanzern, die Speere starrten dicht
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Wie des Kornfelds Ähren, wann man mähen will;
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Ins Auge sahn die Brüder sich leidvoll und still.

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Sie schritten nach dem Söller. Da saß die holde Maid
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Alfsonn' im Goldgelocke; sie webte sich ein Kleid
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Von schneeweißem Linnen am Webestuhl und sang,
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Dazu das Schifflein silbern hellklingend durch die Fäden sprang.

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Da sie der Brüder wahrnahm, frug sie: »Was hat den Mut
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Also euch verstöret? Euch ist das lichte Blut
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Gewichen aus den Wangen; der Grund ist nicht gering.« –
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»es rückt«, sprach Alf Blondbart, »vor Alfheim Sigurd Ring.

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An zehntausend Klingen führet er daher;
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Zur Minne dich zu zwingen, das dünkt uns sein Begehr.
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Wir können ihm nicht wehren, zu klein ist unsre Kraft.
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Wer sieht zu deinen Ehren, wenn uns die Feldschlacht hingerafft?«

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Bleich ward Alfsonne, da sie das vernahm;
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Ihrer lichten Tränen hatte sie nicht Scham,
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Die sprangen aus den Wimpern. Dann sprach sie: »Brüder mein,
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Ich weiß, was mir geziemet. Ruhig mögt ihr sein.

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Alfs Tochter dünkt es besser, zu frein den kalten Tod,
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Denn in des Königs Bette zu legen sich aus Not
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An eines Greisen Seite. Auch hab' ich einen Trank,
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Einen vielmilden, des weiß ich heut den Göttern Dank.

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Der hilft mir diese Stunde. Doch seh' ich dort am Strand
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Schon die Brünnen leuchten und Helm und Schildesrand.
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Mich dünkt, mein Werk hat Eile, so wollt mich einsam lan,
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Daß ich zur Fahrt mich rüste. Was not tut, das ist bald getan.«

57
Mit festen Schritten, schweigend schritt Alf aus der Hall';
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Auf die Augen küßte sie Erek Harfenschall,
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Daß sie nicht säh' sein Weinen. Dann ließ er sie allein.
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Nicht zauderte die Jungfrau, sie ging an ihren Schrein;

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Einen Becher gülden nahm sie aus der Haft,
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Dazu ein silbern Fläschlein, darinnen war ein Saft
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Von blutroter Farbe; den hatt' aus Zauberkraut
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In der Nacht des Neumonds die Drude klug gebraut.

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Auf die Zinne trat sie; da lagen weit im Ring
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Nordlands Meer und Berge, die Sonne niederging,
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Es glomm der letzte Schimmer um Wald und Felsenhöhn;
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Ihr war's, sie hätte nimmer die Welt geschaut so schön.

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Sie sprach: »Fahr wohl, o Sonne, du rosenroter Tag,
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Meiner Augen Wonne, fahr wohl, du Frühlingshag!
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Ihr Brünnlein an der Halde, die all mein Spiel gesehn,
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Fahrt wohl, ihr Veilchen im Walde! Ich soll euch nimmer pflücken gehn.

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Nimmer soll ich hören der kleinen Vöglein Scherz
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In lichten Maientagen; es soll auch nie mein Herz
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Süßer Minne pflegen, und bin doch jung und rot.
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O Sigurd Ring, was treibst du so früh mich in den Tod?«

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Den güldnen Becher nahm sie und leert' ihn bis zum Grund,
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Da wurden ihr schwer die Wimpern; sie sank mit bleichem Mund
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Auf den Steinboden; die Locken fielen dicht
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Als wie ein güldener Schleier über ihr Angesicht.

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Darnach ward eine Stille. Vergangen war der Tag
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Mit der lichten Sonne. Da kam ein Flügelschlag
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Aus den Lüften nieder, das war ihr Falke gut,
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Der kehrte jeden Abend in seiner Herrin Hut.

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Da er Alfsonnen so stille liegen fand:
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Dreimal zog er kreisend um der Zinnen Rand,
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Als wollt' er sie erwecken. Doch glückt' es ihm nicht.
88
Da flog er hochaufsteigend hinauf ins kühle Mondenlicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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