Wie König Sigurd gen Alfheim kam

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Emanuel Geibel: Wie König Sigurd gen Alfheim kam (1833)

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Zu Alfheim von den Zinnen wehten Fahnen viel,
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Man streute Maien drinnen und stimmte Saitenspiel:
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Botschaft war gekommen vor der Burgherrn Ohr,
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Wie König Sigurd zöge vom Meergestad' empor.

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Sie schritten ihm entgegen bis vor des Schlosses Wall,
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Die beiden kühnen Degen, Erek Harfenschall
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Und Alf im blonden Barte: nicht froh war ihr Mut;
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Was am Strand geschehen, sie wußten's von der Schwester gut.

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Draußen auf der Brücke sie harrten mit Bedacht,
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Da sprach der junge Erek: »Mir träumte zu Nacht,
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Einen Geier säh ich fliegen von königlicher Art
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Und plötzlich niederstoßen auf ein Täublein zart.

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Das schneeweiße Täublein sich barg in meinem Schoß,
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Doch konnt' ich's nimmer schirmen vor des Unholden Stoß;
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Er würgt' es ohn' Erbarmen. Nun fürcht' ich, Bruder mein,
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Alfsonne möchte die Taube und Sigurd Ring der Geier sein.

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Wie sollen wir ihm wehren, so er der Maid begehrt?« –
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»dafür«, sprach Alf Blondbart, »tragen wir ein Schwert
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Und lichte Schild' und Panzer. Nie soll das rosige Weib
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Kaltem Winter schenken den lenzhaften Leib.«

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Da sie also red'ten, erhub sich heller Klang
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Von Zimbeln und Drommeten. Es zog das Tal entlang
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Inmitten seiner Degen König Sigurd Ring;
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All sein Ingesinde im Festgeschmeide ging.

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Bis auf der Brücke Mitten, wo das Banner stand,
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Trat ihm Alf entgegen; er trug in seiner Hand
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Ein kunstreiches Trinkhorn von Gold und Edelstein,
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Das war zum Rand gefüllet mit dem allerbesten Wein.

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Den greisen König grüßt' er, wie's geziemend war,
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Zum Willkommen bot er den Labetrunk ihm dar.
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Da neigten sich alle Mannen aus Alfs und Ereks Haus,
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Sigurd nahm das Goldhorn, doch trank er nicht daraus.

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Er sprach: »Ich will nicht trinken noch ruhn an Eurem Herd,
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Bis daß ich Euch verkündet, was mein Herz begehrt.
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Ist grau mein Haupt geworden, so ward es ehrenreich,
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Und gilt eine gelbe Krone wohl gelben Haaren gleich.

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Ich minn' um Eure Schwester, daß Ihr zum Gemahl
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Sie mir geben möchtet. Sie soll den finstern Saal
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Erleuchten meinem Alter mit ihrer Jugend Schein;
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Alfsonn' im Goldgelocke soll König Sigurds Sonne sein.«

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Da sprach mit Stirnrunzeln Alf im blonden Bart:
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»kurz Wort will kurze Antwort. Ist Eurer Alfheimsfahrt
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Dies das Ziel gewesen, so kehrt in Frieden heim;
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Auf Euer Lied, Herr König, weiß ich keinen Reim.

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In späten Herbstestagen, da es friert und schneit,
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Bricht man keine Rosen. Auch war zu aller Zeit
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Ein scheues Wild die Minne, das holde Jugend allein
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Zur Beute mag gewinnen. Drum stellet Euer Werben ein.«

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Stumm stand da Sigurd. Ihm fuhr es durch den Sinn,
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Wie er einst gefahren durch Blut und Leichen hin
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Auf Brawallas Heide gleich Odins Wetterleucht',
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Daß aller Helden Häupter sich unter ihm gebeugt,

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Und wie er nun verschmäht sei. Da schoß das rote Blut
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Brennend ihm ins Antlitz; er preßte zorngemut
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Also stark das Goldhorn, das seine Faust umschloß,
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Daß draus hochaufspritzend der Wein gen Himmel schoß.

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Dann wandt' er sich zu Tale und rief hinauf den Wall:
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»fahret wohl, Alf Blondbart und Erek Harfenschall!
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Fahr wohl dazu, Alfsonne, du wonnigliches Kind!
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Ihr sollt es noch verspüren, wie König Sigurd minnt.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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