Wie König Sigurd Alfsonnen traf

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Emanuel Geibel: Wie König Sigurd Alfsonnen traf (1833)

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Lenz war gekommen. Der lichte Schnee zerschmolz
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An den Bergeshalden, in Veilchen stand das Holz;
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Die blaue Meereswoge glänzte frei von Eis,
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Da ging zu Schiffe Sigurd, der königliche Greis.

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Umfahrt wollt' er halten von Upsalas Strand
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Entlang die hohen Küsten, daß überall am Land
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Er nähme Schoß und Gaben und mit Spruch und Schwert
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Des alten Rechtes pflegte, so jemand hätte des begehrt.

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Es war der neunte Morgen, seit die Fahrt begann;
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Gehalten war der Frühtrunk von Skald' und Rittersmann,
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Die Segel und die Taue rauschten allzumal
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Vom lauen Maienwinde: da kamen sie gen Skiris-Sal.

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Als das Schiff gelandet, da sprach der König gut:
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»wie singt mein Herz so fröhlich, wie fleugt so hoch mein Mut!
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Ich weiß nicht, tut's der Frühling, oder tut's der Wein;
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Mir ist, als sollt' ich heute ein Jüngling wieder sein.«

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Sie schritten hastig fürder auf gelbem Ufersand,
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Das Land in acht zu nehmen; da trafen sie am Strand
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Eine Schar von Mägden, die am Erlenbusch,
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Wo in das Meer ein Bach ging, Gewand und Linnen wusch.

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Es lachten und es sangen bei der Arbeit frei
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Die frohgemuten Dirnen, eine Jungfrau stand dabei;
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Aller Herrin schien sie, da sie des Werks vergaß.
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Auch trug sie güldne Spangen; ein Falk auf ihrer Schulter saß.

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Sie stand in süßer Jugend; ihr rosig Antlitz war
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Wie die Morgenfrühe, es floß ihr goldenes Haar
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In langen Ringeln schimmernd herab auf ihr Gewand,
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Daß schier der lichten Spangen Gefunkel davor schwand.

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Da dachte Sigurd bei sich in seinem Sinn:
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»holdselig ist die Jungfrau, so wahr ich König bin!
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Trotz meiner achtzig Jahre die führ' ich heim als Braut.
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Sonst bricht mein Herz vor Liebe.« Doch sagt' er das nicht laut.

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Nach ihr den Skalden fragt' er. Der sprach: »Herr König, wißt,
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Daß sie Alfs des Weisen vielhohe Tochter ist;
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Ihr Leib ist frisch und wonnig, die schönste wohl im Land,
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Ihr Goldhaar strahlt sonnig. Alf-Sonne ist sie drum genannt.

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Mit wundersamer Tugend gegürtet ist die Maid;
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Es pflegen ihrer Jugend ihre Brüder beid',
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Alf geheißen Blondbart und Erek Harfenschall,
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Seit Alf der Weise zechet mit Odin in Walhall.«

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Zur Jungfrau sprach da Sigurd: »Gesegnet sei die Frist,
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Da du Minnigliche mir begegnet bist!
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Doch darf ich eins dich bitten, so bring' im Kruge dein
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Einen kühlen Trunk mir. Dort oben quillt das Bächlein rein.«

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Alfsonne ging und schöpfte; den Krug hielt sie dar;
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Langsam trank der König. Da deucht' es ihm fürwahr,
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Als tränk' er Lieb' und Jugend, der eisgraue Mann;
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Wohl keiner je aus Wasser solche Lust gewann.

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Und lächelnd sprach er weiter: »Nun sollst du haben Dank,
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Daß du mich so erquicket; doch wüßt' ich süßern Trank,
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Das ist von deinen Lippen der rote Freudenwein,
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Labsal für Heldenherzen, die Minne schenkt ihn ein.

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Hei, daß ich davon zechte! Mir wär' es wohlgetan
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Bei Tag und in den Nächten.« – Da sah ihn finster an,
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Rot vor Scham und Zorne, die wonnigliche Maid:
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»ich merke«, rief sie scheltend, »daß Ihr aus weiter Fremde seid;

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Wie möchtet Ihr sonst reden zu einem Edelkind
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Als ein lockrer Bube, der um Dirnen minnt!
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Und wärt Ihr selbst ein Recke oder ein König gar:
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Solch Schwatzen dünkt mich Schande für Euer graues Haar.«

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Sie warf in ihrem Zürnen in den Bach den Krug,
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Daß er auf den Kieseln zu tausend Scherben schlug
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Und hoch das Wasser spritzte. Dann floh sie längs der Bucht
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Gleich einer weißen Hinde mit windschneller Flucht.

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Nachflog ihr der Falke. Erstaunt blieb Sigurd stehn;
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Ihm war's, er hätte nimmer so reizend sie gesehn
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Denn in ihrem Schelten. Dann strich er sich den Bart:
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»wohlauf, ihr wackern Degen! Gen Alfheim geht die Fahrt.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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