Die weiße Schlange

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Emanuel Geibel: Die weiße Schlange (1833)

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Auf der Burg in reichgeschmückter Halle
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Schweigsam brütend sitzt der greise Stojan,
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Sitzt beim vollen Silberkrug und trinkt nicht,
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Starrt empor zum Balkenwerk der Decke,
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Das von güldnen Drachenköpfen funkelt;
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Hell ins Fenster lacht die Spätherbstsonne,
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Doch nicht mit ihr lacht die Seele Stojans;
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Denn sie denkt Gedanken vor'ger Tage,
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Denkt und sinnt und weiß nicht froh zu werden.

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Tritt zu ihm herein vom See der Fischer,
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Neigt sich dreimal tief und spricht die Worte:
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»grüß dich Gott, Herr Stojan, mein Gebieter!
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Heute Nacht im See die Netze warf ich,
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Doch nicht Aale fing ich drin noch Karpfen
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Noch die Brut des blaugefloßten Hechtes,
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Fing statt ihrer eine weiße Schlange,
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Weiß am Kopf und Rücken, rot am Bauche.
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Wer von solcher weißen Schlange isset,
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Der vernimmt es, was die Tiere sprechen,
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Auf dem Feld das Wild, im Laub die Vögel.
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Auch der Wipfel Rede mag er deuten,
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Wenn sie flüstern mit den grünen Zungen,
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Und des Bachs Geschwätz, der Winde Sausen.
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Gibst du dreißig Goldstück' mir, Herr Stojan,
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Will ich dir die weiße Schlange lassen.«

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Dreißig Goldstück' gibt der Greis dem Fischer,
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Schickt ihn heim und ruft den Koch zur Stelle,
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Daß er ihm die Schlange zubereite;
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Spricht dann zu sich selbst und pfeift dazwischen:
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»mag hinfort mich die Woiwodschaft meiden,
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Die mir nicht zum Schmause kommt um Ostern
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Noch zum Zechgelag am Neujahrsabend;
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Fortan lach' ich ihres Außenbleibens.
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Reden werd' ich mit den Tieren draußen,
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Daß sie die Gedanken mir verscheuchen
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Und die Träume, die ich träum' im Wachen.«

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Als die Mittagstunde nun geschlagen,
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Bringt der Koch die Schlange wohlbereitet,
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Grünumkränzt auf goldgediegner Schüssel.
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Munter setzt Herr Stojan sich zur Tafel,
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Legt sich vor und ißt mit Wohlbehagen,
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Ißt und trinkt vom roten Wein dazwischen,
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Bis die Schüssel auf den Grund geleert ist.
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Drauf vom Sessel springt er auf die Füße,
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Schnallt sich um den Säbel mit Smaragden,
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Heißt den Knecht sein türkisch Rotroß satteln,
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Schwingt sich auf und reitet aus dem Hofe.

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Bald im dichten Walde trabt Herr Stojan,
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Wo der Weg zum schwarzen See hinabführt,
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Laublos schon am Wege stehn die Bäume;
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In den Wipfeln hört er da ein Schallen,
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Das von Ast zu Aste weiterflüstert,
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Bang und traurig wie von Menschenstimmen,
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Die ein dräuend Unheil sich verkünden.
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Doch er achtet's kaum und reitet weiter.

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Als er nun den schwarzen See erreicht hat,
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Flattern übers Wasser her zwei Raben,
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Alte Vögel beide, breitgeflügelt,
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Ruhn dann krächzend aus auf einer Fichte.
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Wohl vernimmt Herr Stojan, was sie krächzen,
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Hält sein Rotroß an und lauscht zur Kurzweil.
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Spricht der erste Rabe da zum zweiten:
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»bruder, sprich, woher hast du den Goldreif,
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Den ich gestern sah in deinem Schnabel,
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Fein und blank, mit sieben roten Steinen?
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Wo nur hast du den gefunden? Sag' mir's!«
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Ihm erwidert drauf der andre Vogel:
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»märlein will ich dir erzählen, Bruder,
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Von dem Goldreif wunderliche Märlein.
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Sind nun siebenundzwanzig Jahr und länger,
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Daß ein Mägdlein hier im Walde wohnte,
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Weiß und rot, mit langen schwarzen Zöpfen;
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Trug sie nur ein Hemd von grobem Linnen,
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Nur Sandalen an den weißen Füßen,
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Trug sie doch ein Antlitz wie die Blumen.
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Heller schien die Sonne, wenn sie lachte,
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Wenn sie sang, so stand das Bächlein stille,
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Grüner ward der Rasen, drauf sie tanzte.
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Sieh, da kam des Wegs ein Herr geritten,
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Reiherfedern an der Zobelmütze,
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Gold sein Zaum, sein Säbel mit Smaragden.
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Einmal kam er erst, dann kam er vielmals,
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Sprach ihr zu und schwur ihr hundert Schwüre,
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Steckt' ihr an den Finger einen Goldreif,
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Fein und blank, mit sieben roten Steinen,
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Daß sie seinen Schwüren glauben möchte;
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Und sie glaubt' und ließ von ihm sich küssen.
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Lieblich deucht' es ihr den langen Sommer.
89
Aber als im Herbst die Vögel zogen,
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Fernhin zogen und nicht wiederkamen,
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Kam auch er nicht wieder gleich den Vögeln;
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Wo er blieb, das mag die Sonne wissen.
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Doch jedweden Abend kam das Mägdlein,
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Saß am See und weinte heiße Tränen,
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Weint' hernieder auf den Schnee im Winter
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Und im Frühjahr auf die blauen Veilchen.
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Aber in der Nacht der Frühlingsgleiche
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Schrie sie laut empor vor großer Trübsal,
99
Sprang hinunter dann ins schwarze Wasser.
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Keiner hat sie wieder je gesehen;
101
Nur den Goldreif warf der See ans Ufer.«

102
So zum einen Raben spricht der andre,
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Doch Herrn Stojan dünkt es üble Kurzweil;
104
Dröhnend schlägt das Herz ihm wie ein Hammer.
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Seinem Rotroß drückt er ein die Sporen,
106
Daß es stöhnt und jählings drauf dahinschießt
107
Kreuz und quer, von keinem Pfad geleitet.
108
Aber endlich keuchend hält es stille,
109
Hält' an einer Hütt' und will nicht weiter.

110
Tief im finstern Walde liegt die Hütte,
111
Hat nicht Fenster mehr noch Tür und Angel;
112
Hohes Unkraut wuchert auf der Schwelle.
113
Sitzen auf dem Dach zwei wilde Tauben,
114
Blau und weiß, ein Männlein und ein Weibchen,
115
Gurren laut, und wohl vernimmt's Herr Stojan.
116
Fragt die wilde Taube da den Tauber:
117
»männlein, sprich, was ist's mit dieser Hütte,
118
Daß darinnen keine Menschen hausen,
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Wie in allen Hütten sonst im Forste?
120
Warum steht sie gar so öde? Sag' mir's!«
121
Ihr erwidert drauf der wilde Tauber:
122
»märlein sollst du hören, du mein Weibchen;
123
Nicht zu jeder Zeit war's hier so einsam.
124
Wohnte vormals in der Hütt' ein Köhler,
125
Alt von Jahren, schwarz, mit weißem Barte;
126
Wohnte mit ihm drin ein junger Knabe,
127
Sah nicht aus, wie Köhlerbuben aussehn,
128
Hieß er so, doch war er's nicht in Wahrheit,
129
Denn am See einst fand das Kind der Alte
130
Morgens nach der Nacht der Frühlingsgleiche,
131
Nahm's und pflegt' es groß an Sohnes Stelle.
132
Stark und schön erwuchs der Knab' im Walde,
133
Goldne Locken sproßten ihm am Haupte,
134
Schwarze Brauen über schwarzen Augen.
135
Doch am Meiler mocht' er nimmer stehen
136
Noch die Kohlen schüren mit dem Schürbaum,
137
Schnitzte lieber Bogen sich und Pfeile,
138
Scharfe Pfeile, die das Wild erlegen,
139
Oder zog sich Falken auf zur Beize.
140
Täglich ging er dann hinaus zu jagen,
141
Kehrte heim zu Nacht mit reicher Beute,
142
Und der Köhler freute sich des Mahles.
143
Aber einst am Tag der Sonnenwende –
144
Sieben Jahre sind es nun und länger –
145
Ging er auch zu Wald und kam nicht wieder,
146
Kam auch nicht am andern Tag noch später,
147
Daß der Alte drob zu Tod sich härmte.
148
Wo er blieb, das mag die Sonne wissen.«

149
So zur wilden Taube spricht der Tauber;
150
Doch Herr Stojan hört es mit Entsetzen,
151
Kalter Angstschweiß perlt ihm von der Stirne,
152
Und zu Eis gefriert sein Herz im Leibe.
153
Plötzlich wirft er dann herum sein Rotroß,
154
Jagt nach Hause fort durch Dorn und Dickicht,
155
Jagt in Hast, als ob der Tod ihn hetze.
156
Scharf ins Antlitz schlagen ihm die Äste,
157
Zornig pfeift der Wind aus Hagelwolken,
158
Doch er merkt es kaum und fleucht von dannen.

159
Als er nun das Tor der Burg erreicht hat,
160
Sporenklirrend eilt er in die Halle,
161
Heißt im Steinkamin ein Feuer zünden,
162
Hoch aus Fichtenholz ein großes Feuer,
163
Daß er sich sein frierend Herz erwärme,
164
Wirft sich lechzend dann in seinen Sessel.

165
Bald im Steinkamine brennt das Feuer.
166
Brütend ins Geloder starrt Herr Stojan;
167
Aber wie er starrt, da saust es drinnen,
168
Saust und prasselt um die harz'gen Scheite;
169
Sieh, und plötzlich reckt sich hoch die Flamme,
170
Blitzt ihn an und spricht mit roten Zungen:
171
»märlein künden will ich dir, Herr Stojan,
172
Dunkle Märlein von vergangnen Tagen.
173
War ich einst ein Fichtenbaum im Walde,
174
Streckte tief ins Erdreich meine Wurzeln,
175
Meinen Wipfel in des Himmels Bläue.
176
Wohl gedenk' ich noch der alten Zeiten,
177
Doch zumeist des Tags der Sonnenwende,
178
Sieben Jahre sind es nun und länger.
179
Saß ein Knabe da in meinem Schatten,
180
Goldnen Haars, mit schwarzen Augenbrauen,
181
Trug auf seiner Faust den schönsten Falken,
182
Spielt' und koste mit dem klugen Vogel.
183
Zu der Stunde kamst auch du, Herr Stojan,
184
Kamst vom Weidwerk durch den Busch geschritten,
185
Sahst den Falken an, und er gefiel dir,
186
Daß du trutzig ihn vom Knaben heischtest.
187
Aber dieser wollt' ihn nimmer lassen,
188
Faßt' ihn fest und lachte, da du drohtest,
189
Lachte, wie du selber pflegst zu lachen.
190
Da ergrimmte dir die finstre Seele,
191
Zogst ein spitzes Messer aus dem Gürtel,
192
Stießest ihm ins Herz das spitze Messer,
193
Wandtest dich und flohst mit roten Händen;
194
Kreischend hub der Falk' sich in die Lüfte.
195
Doch im Moos verscheidend lag der Knabe;
196
Langsam aus der Wunde troff sein Herzblut,
197
Troff in Strömen über meine Wurzeln,
198
Troff hinunter in die schwarze Erde.
199
Sieh, da schauderte die schwarze Erde,
200
Zuckte wie im Krampf und schrie zur Sonne:
201
Weh, von welchem Blut hab' ich getrunken!
202
Blut, verströmt in unerhörtem Greuel,
203
Kindesblut von Vaterhand vergossen!«

204
Also saust im Steinkamin die Flamme.
205
Da vom Sessel fluchend springt Herr Stojan,
206
Reißt den krummen Säbel aus der Scheide,
207
Haut in blinder Wut damit ins Feuer,
208
Daß die Brände durch die Halle spritzen,
209
Taumelt dann und stürzt erschöpft zu Boden.

210
Aber leise züngelt's aus den Bränden,
211
Schießt wie rote Schlänglein hin und wieder,
212
Leckt und klimmt empor am Wandgetäfel,
213
Klimmt empor ins Balkenwerk der Decke.
214
Doch urplötzlich droben wächst die Lohe
215
Wie ein Riesenfächer, der sich aufschlägt,
216
Bricht zugleich durch Fenster, Pfort' und Gitter,
217
Wirbelt aus dem Dach als Feuersäule,
218
Wirbelt hoch hinauf zum dunkeln Himmel,
219
Und in Flammen kracht die Burg zusammen.

220
Liegt nun tief im Wald ein Trümmerhaufen,
221
Hochgetürmter Schutt, verkohlte Balken:
222
Jagt kein Jäger dort, und treibt kein Hirte,
223
Singt kein Vogel auch an jener Stätte,
224
Und kein Tau benetzt umher das Erdreich.
225
Denn verflucht sind die geschwärzten Steine;
226
Drunter liegen die Gebeine Stojans,
227
Stojans, der den eignen Sohn erschlagen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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