Der reiche Mann von Köln

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Emanuel Geibel: Der reiche Mann von Köln (1833)

1
Zu Köln ein reicher Kaufherr saß,
2
Der hatt' ein Herz von Eisen;
3
Er lebte dahin in Saus und Braus
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Und drückte Witwen und Waisen.

5
Er zählte sein Silber und wog sein Gold
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Und lachte dazu im stillen;
7
Der Richter bog um Gunst und Geld
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Das Recht nach seinem Willen.

9
Da war ein Mägdlein in der Stadt,
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Ein Kind von jungen Jahren,
11
Er trieb es fort von Haus und Hof
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Mit grimmigem Gebaren.

13
Und als der Schnee im Winter fiel,
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Und ging der Rhein mit Eise,
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Ihn jammerte nicht des Kindes Not,
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Das hatte nicht Kleid noch Speise.

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Und als der Frühling kam ins Land,
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Die Vöglein sangen mit Schalle:
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Sie fanden das Mägdlein morgens tot
20
Auf einer Streu im Stalle.

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Sie trugen es fort und gruben es ein
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Am Friedhof auf der Wiese;
23
Die Seele ging in Sankt Michaels Schoß
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Hinauf zum Paradiese.

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Den Tag darnach der Kaufmann ritt
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Wohl lachend daher im Trabe,
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Da standen drei Lilien weiß wie Schnee
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Gewachsen auf dem Grabe;

29
Da standen drei Lilien weiß wie Schnee,
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Im Winde die Blumen gingen;
31
Ein Vöglein schwang vom Hügel sich auf,
32
Im Flug hub's an zu singen:

33
»herr Marx von Köln, Herr Marx von Köln,
34
Wie bleich ist dein Gesichte!
35
Du bist ein Mörder, Herr Marx von Köln,
36
Ich lade dich zu Gerichte.«

37
Dem Kaufherrn wohl das Lachen verging,
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Sein Mut war all verloren;
39
Er wandte sein Roß und jagte nach Haus,
40
Vom Blute troffen die Sporen.

41
Er mochte nicht nehmen Speise noch Trank
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Vor ängstlichen Gedanken;
43
Wohin er schaut' in Saal und Hof,
44
Drei Lilien sah er schwanken;

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Und als er nachts auf dem Kissen lag,
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Keinen Schlaf konnt' er erzwingen;
47
Sobald ihm fielen die Augen zu,
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Hört' er das Vöglein singen.

49
»ach helft mir, helft mir, lieber Arzt!
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Ich will's Euch neunfach zahlen,
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Mir brennt's im Herzen wie höllisch Feur;
52
Helft mir von diesen Qualen!«

53
Wohl ging der Arzt, mit Sorg' und Fleiß
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Manch bittern Trank zu mischen;
55
Es tat nicht gut, es tat nicht schlimm,
56
Das Vöglein sang dazwischen:

57
»herr Marx von Köln, an deiner Sünd'
58
Wird alle Kunst zunichte!
59
Du bist ein Mörder, Herr Marx von Köln!
60
Ich lade dich zu Gerichte.«

61
Und um die dritte Mitternacht
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Ging an der Tür ein Klopfen;
63
Den Kranken trieb's vom Lager auf,
64
Ihm floß die Stirn von Tropfen.

65
Und als seine Hand den Riegel schob,
66
Sie flog vor Angst und Schmerze;
67
Und als die Tür in den Angeln ging,
68
Ein Zug blies aus die Kerze.

69
Der draußen stand, das war der Tod;
70
Er nahm Herrn Marx von Köllen,
71
Er setzt' ihn auf sein aschfarb Roß
72
Und fuhr mit ihm zur Höllen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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