Die Türkenkugel

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Emanuel Geibel: Die Türkenkugel (1833)

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Auf der Höh' am Felsenkirchlein,
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Rings vom Türkenheer umschlossen,
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Liegt ein Häuflein tapfrer Griechen
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Von des Bozzaris Genossen.

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Achtmal hat die Schar dort oben
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Schon begrüßt den Strahl der Sonnen;
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Achtmal schon ergimmten Mutes
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Hat der Feind den Sturm begonnen.

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Doch vergeblich in den Schluchten
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Häuft' er Tote nur zu Toten,
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Denn der Fels ist schroff, und sicher
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Trifft das Blei der Sulioten.

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Drum von fern aus Feuerschlünden
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Will er nun Verderben senden;
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Kugeln über Kugeln wirft er
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Nach den steilen Felsenwänden.

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Aber mag sein glühend Eisen
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Seltnes Opfer nur erreichen:
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Schon beginnt ein andrer Würger
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Droben durch die Schar zu schleichen.

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Grauser als von Feindeswaffen
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Ist der Tod von Durstesqualen;
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Keinen Brunnen hat der Felsen,
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Und geleert sind Schläuch' und Schalen.

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Und der Himmel blau und ehern
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Schaut herab mit Feueraugen;
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Ach, nicht reicht's, daß von den Halmen
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Sie den Tau der Frühe saugen.

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Bleich, mit hohlen Wangen, schwanken
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Um das Kirchlein die Gestalten:
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Kaum vermag der Arm entkräftet
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Noch das lange Rohr zu halten.

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Dorrend klebt die Zung' am Gaumen,
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Fieberglut durchrast die Glieder;
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In der Not des neunten Abends
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Werfen sie sich flehend nieder:

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»der du Mosis Stab gesegnet,
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Daß er Wasser schuf dem Volke,
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Der du auf Elias' Rufen
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Kamst in schatt'ger Regenwolke,

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Herr, erbarm', erbarm' dich unser!
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Sieh, wir sind wie trockne Scherben, –
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Von des Feindes Schwert errettet,
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Laß uns nicht im Durst verderben!«

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Und noch hallt es: »Herr, erbarm' dich!«
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Da in rotgewölbtem Bogen
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Aus dem Türkenlager sausend
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Kommt ein Feuerball geflogen.

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Dröhnend schlägt er in die Klippe,
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Bohrt sich wühlend tief und tiefer, –
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Horch, da zischt es leis, und silbern
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Zuckt es auf im Felsgeschiefer:

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Und es blinkt und rinnt und rieselt,
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Und mit Brausen dann geschossen
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Well' auf Welle kommt das Wasser,
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Dem das Erz die Bahn erschlossen.

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O wie lieblich rauscht der Sprudel
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In das Ohr der Kriegsgefährten!
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O wie schlürfen sie mit Wonnen
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Von dem Naß, dem langentbehrten!

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Aber dann zum frommen Danke
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Siehst du sie die Hände falten:
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»sei gepriesen, Herr der Gnaden!
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Wundervoll ist all dein Walten.

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Durch die Hand des grimmsten Feindes
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Weißt du Trost und Heil zu geben;
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Tod gedacht' er uns zu senden,
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Doch du wandtest Tod in Leben!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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