Des Deutschritters Ave

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Emanuel Geibel: Des Deutschritters Ave (1833)

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»herr Ott vom Bühl, nun drängt die Not,
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Nun zeigt, wie treu Ihr's meint!
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Das Feld ist rot, und die Brüder sind tot,
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Und hinter uns rasselt der Feind.

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Wohl klag' ich manch gebrochnen Speer,
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Manch Wappenschild zerspalten;
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Doch schmerzt's um den heiligen Kelch mich noch mehr
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In meines Mantels Falten.

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Im Schlachtfeld tranken wir alle daraus,
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Zu sühnen uns mit Gott;
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Soll nun beim wüsten Siegesschmaus
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Der Heid' ihn schwingen zum Spott?

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Herr Ott, und fühlt Ihr Euch stark und jung,
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Noch einmal wendet das Roß,
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Versucht mit scharfem Schwertesschwung
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Noch einmal zu hemmen den Troß.

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Und haltet Ihr nur so lang ihn auf,
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Als Ihr ein Ave sagt,
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So rettet meines Hengstes Lauf
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Den Kelch, um den Ihr's wagt.«

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Herrn Otts Besinnen war nicht groß,
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Sprach: »Ja«, und weiter nichts;
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Des Meisters Roß von dannen schoß
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Im Strahl des Mondenlichts.

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Und als das Kreuz auf dem Mantel weiß
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Nicht mehr zu kennen war,
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Da sauste schon auf Gäulen heiß
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Heran der Litauer Schar;

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Und als der Mantel fern im Schwung
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Nur schien wie ein fliegender Schwan,
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Da fielen sie den Ritter jung
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Mit grimmigen Streichen an.

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Die krummen Schwerter blinkten frei,
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Es rasselten dumpf die Keulen,
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Dazwischen ging ihr Kampfgeschrei
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Wie hungriger Wölfe Heulen.

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Herr Ott vom Bühl sprach: »Ave Marie!«
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Und führt' einen Hieb, der traf;
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Der Hauptmann flog vom Sattel aufs Knie
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Mit durchgespaltnem Schlaf.

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Das zweite Wort der Held dann sprach
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Und hieb noch kräftiger schier;
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Der Bannerträger zusammenbrach,
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Und über ihn fiel das Panier.

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Und Wort um Wort und Streich um Streich,
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Das war ein tapfer Gebet:
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Bei jedem Spruch lag alsogleich
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Ein Heide dahingemäht.

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Und es klaffte dem Ritter das Stahlhemd weit,
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Und es färbten die Ringe sich rot,
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Er aber ward nicht laß im Streit,
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Und jeder Schlag war Tod.

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Und es barst sein Schild, und es sank sein Pferd,
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Da kämpft' er fort zu Fuß;
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Mit beiden Händen schwang er das Schwert
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Und betete weiter den Gruß.

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Und als zu Ende das Ave ging,
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Er führte noch
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Und in getürmter Leichen Ring
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Hinsank er blutend und bleich.

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Sein Mund ward stumm, sein Arm ward schwer,
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Im Tode stand sein Herz;
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Nicht Amen konnt' er sprechen mehr,
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Das war sein letzter Schmerz.

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Doch die Litauer warfen die Renner herum,
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Kein Streit mehr lüstete sie.
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Gerettet war das Heiligtum
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Durch des Ritters Ave Marie.

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Gott geb' ihm droben selige Statt
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Aufs tosende Schlachtgetümmel!
71
Wer so auf Erden gebetet hat,
72
Mag Amen sagen im Himmel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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