Auf eine Einsame

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Emanuel Geibel: Auf eine Einsame (1833)

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Dreimal unselig Weib! Du warst einst schön und jung,
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Geflügelt war dein Geist zu wundervollem Schwung;
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Und wie bei lautem Lied von selbst die Saiten tönen,
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Klang dir im Herzen nach ein Echo alles Schönen.
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Doch ach, du kostetest, niemals bedacht zu ruhn,
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Von jeglichem Gefühl nur, wie die Bienen tun;
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Gleichwie durch Schlangenblick ans Neue stets gebunden,
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Des Trunks, der dich gereizt, schon satt nach wenig Stunden,
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Zogst du, dem Augenblick als Sklavin untertan,
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Mit jedem frischen Kleid ein frisch Verlangen an
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Und schwärmtest, sanft gewiegt in deiner Schönheit Ruhme,
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Von Sieg zu Sieg dahin, von Blume hin zu Blume,
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Als sei für immerdar dir zum Genuß bereit
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Die Erd' ein Rosenwald, die Jugend Ewigkeit.

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Doch jeder Lustpokal hat seine Hef' am Grunde,
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Es folgt dem Nachtbankett die trübe Zwielichtstunde;
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So kam auch dir der Tag, wo plötzlich unterm Spiel
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Aus deinem Lockenhaar der Anmut Perle fiel,
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Wo all dein sprühnder Witz nicht mehr verhehlen konnte,
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Die Sonne neige sich an deinem Horizonte,
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Und durch des bunten Fests Musik sich abendlich
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Ein fröstelnd Ruhbegehr in deine Seele schlich.
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Da sahst du um; doch ach, du trafst auf allen Zügen
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Des Mitleids Lächeln nur, des Hohns verhaltne Rügen;
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Denn keiner stand im Kreis, den lieblos nicht bis jetzt
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Dein scharfer Spott gekränkt, dein Wankelmut verletzt.
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Du aber, allzu stolz und allzu schwach zur Bitte,
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Schrittst – Frohsinn auf der Stirn – verstört aus ihrer Mitte;
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Du wolltest selbst genug dir sein in deinem Sinn
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Und schlossest zu dein Herz. Doch öde war es drin.

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O hättest damals du erkannt: Es waltet stille
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Nach ewigem Gesetz durchs All ein heil'ger Wille,
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Der Schlag auf Schlag den Trotz zerbricht, bis daß er schweigt,
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Doch jede Stirn erquickt, die sich in Demut neigt:
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Vielleicht, es wäre dir, der Weinenden, zum Frommen
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Nach kühler Sommerszeit ein milder Herbst gekommen –
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Du aber dachtest nicht an Sühnung, tiefvergällt,
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Und grolltest, statt mit dir, mit Gott und mit der Welt.
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Und dennoch hofftest du. Du wolltest, aus der Frauen
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Gebiet dich flüchtend, kühn ein neu Geschick dir bauen;
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Da du den Herd verscherzt und seinen frommen Schein,
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Beschlossest Fackel du der Welt und Licht zu sein.
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Du wolltest deinen Gram wie ein Geschmeide tragen,
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Um prunkend auf dem Markt das Schicksal zu verklagen;
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Im Lorbeer dachtest du, den selbst der Neider preist,
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Zu herrschen, wie vordem durch Schönheit, nun durch Geist;
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Du dürstetest nach Ruhm –
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Doch ach, dein trotzig Fodern
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Ließ dichter nur herab des Unheils Blitze lodern,
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Und deine Hoffnungen, die Träume neuer Lust,
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Die du wie Kinder stolz genährt an deiner Brust,
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Du sahst sie Haupt für Haupt mit bittern Tränenfluten
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Vom scharfen Pfeil durchbohrt zu Füßen dir verbluten,
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Bis du, unselig Weib, zuletzt in deinem Weh
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Einsam versteinertest, wie jene Niobe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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