Abschied von Sankt Goar

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Emanuel Geibel: Abschied von Sankt Goar (1833)

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Wie flog im Land des Rheines
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So rasch die Sommerszeit!
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Schon dunkelt blauen Scheines
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Die Traube weit und breit;
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Es färbt das Laub sich gelber,
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Der Kranich zieht dahin;
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Mit zieh' ich, weil ich selber
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Ein Wandervogel bin.

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Fahr wohl, von Walnußbäumen
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Umrauscht, mein Sankt Goar!
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Das war ein süßes Träumen
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In deinem Schoß fürwahr.
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Wie oft im Tal der Grindel
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Ward mir die Lust Gesang,
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Wenn die kristallne Spindel
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Der Wasserfei erklang!

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Fahr wohl, du Lei der Lore
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An wilder Strudel Schwall!
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Noch tönt in meinem Ohre
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Gedämpft dein Klagehall;
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Er rief mir tief im Sinne
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Die düstre Sage wach
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Vom Herzen, das die Minne
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Mit ihrer Falschheit brach.

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Ihr Türm' und Burgen droben,
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Ich grüß' euch tausendmal;
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Von eurem Grün umwoben
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Wie schaut' ich gern zu Tal!
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Ich sah mit trunknem Geiste
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Die Sonne dort verglühn,
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Und mein Gedanke kreiste
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Wie euer Falk so kühn.

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Fahrt wohl, ihr sonnigen Weiler,
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Mein Bacharach so traut,
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Wo um Sankt Werners Pfeiler
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Voll Glanz der Himmel blaut;
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Und Kaub voll rosiger Dirnen
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Und Wesel grün von Wein;
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Ich denk' an euern Firnen
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Fürwahr noch weit vom Rhein.

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Und du fahr wohl, mein Dichter,
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Du Mann so jugendgrün,
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Und mag dir immer lichter
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Das Herz von Liedern blühn!
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Wohl sänge dir Besseres gerne,
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Der dieses sang und schrieb;
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Doch sei's – und halt auch ferne
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Wie hier am Rhein ihn lieb!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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