Eine Septembernacht

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Emanuel Geibel: Eine Septembernacht (1833)

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Zu Lübeck im Ratskeller saßen spät
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Wir Freunde noch beim Wein und tranken,
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Wo tief gebräunt die Eichentafel steht
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Aus unsres letzten Kriegsschiffs Planken.
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Doch galt es heute keinen Zecherspaß,
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Kein lustig Liedel, keine Becherfehde;
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Es schaute jeder ernst ins grüne Glas,
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Und ernst und sinnig floß die Rede.

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Wir sprachen von des alten Glanzes Zeit,
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Von jenen, die der Hansa Schlachten schlugen,
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Wir sprachen von der jüngsten Tage Leid
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Und von der Hoffnung, die wir trugen.
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Wohl spürten's alle feierlich und leis,
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Wie sich aus Trümmern junges Leben zeuge,
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Und stille ward's, als ob in unsern Kreis
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Der Schutzgeist unsrer Stadt sich beuge.

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Da schlug es Mitternacht. Sie brachen auf,
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Wir drückten herzlich uns die Hände;
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Mich aber trieb es noch den Gang hinauf,
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Die Fässer durch, entlang die schatt'gen Wände.
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Ich konnt' an Schlaf nicht denken. Sonst und Heut
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Zerfloß in meinen Sinnen lose;
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So trat ich ein, gedankenvoll zerstreut,
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Ins hallende Gewölb' der »Rose«.

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Wie kühl, wie stille! Mir mein Fußtritt scholl
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Verdreifacht von den Gubeln wieder;
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Ein Schauer wie vor Geisternähe quoll
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Geheimnisvoll durch meine Glieder,
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Und sieh, ein Lichtschein drang mir wunderbar
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Linksher entgegen aus der hohen Nische.
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Ich naht' und
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Erblickt' ich zechend dort am Tische.

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Der eine saß geschmückt nach alter Art
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Mit Sammetschaube, Kraus' und Kette,
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Umflossen Wang' und Kinn vom blonden Bart,
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Die mächt'ge Stirn beschattet vom Barette.
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Das blaue Auge zuckt' in scharfem Glühn,
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Als hing' ein Weltgeschick an seinem Winken:
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So saß er da, gebeugt und dennoch kühn,
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Und starrt' in seines Römers Blinken.

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Der andre stand, die Hand am Schwertesknauf,
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Riesig, vom Haupt zum Fuß in blankem Erze;
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Wie Blut an seinem Panzer spielt' herauf
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Der rote Flackerschein der Kerze;
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Ein wild und rauh Gesicht. Ich spürt' es bald,
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Da, murmelnd, wie der Wind durch Herbstlaub wallt,
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Hört' ich des ersten Worte rinnen:

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»o Meeresauge, dunkelblauer Sund,
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Du felsumstarrte Ostseepforte,
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Wie schaut' ich oft hinab in deinen Grund
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Und zwang ins Herz zurück der Sehnsucht Worte!
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Dort unten, wo die Welle leiser schoß,
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Sah ich den goldnen Zauberschlüssel liegen,
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Der uns ein neues Reich erschloß
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Von Meeresherrschaft, Glanz und Siegen.

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Ich warb um ihn, wie um den Ring der Braut,
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Ich warb auf Leben und auf Sterben.
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O hätte mir das blöde Volk getraut!
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Den Sieg
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Den Sieg der Kampf, der sieben Jahre durch
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Im Rat, zur See, im Schlachtfeld grollte,
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Der Riesenkampf, der unsrer Hansa Burg
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Bis zu den Sternen türmen sollte.

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Sie faßten's nicht, es war für sie zu groß;
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Sie zitterten, die Käufer und Verkäufer;
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Da führten meine Feinde schlau den Stoß,
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Verräter hieß ich, Wiedertäufer.
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Sie rissen von den Stufen mich herab,
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Sie saßen trotzig zu Gerichte,
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Sie brachen über mich den weißen Stab,
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Und mehr! - sie schrieben die Geschichte.

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Dreihundert Jahre sind's, da sprang vom Schlag
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Des Beils mein Blut in Strömen vom Schafotte.
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Doch war ein Geist des Unheils seit dem Tag
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Mit meiner Heimat Heer und Flotte -
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Was Menschen bauten, wird des Windes Spiel,
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Nur Gottes Ratschluß bleibt beständig;
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Die Hansa sank, das
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Doch

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Es geht ein heil'ger Sturm von Stadt zu Stadt,
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Sie spüren's all', erwacht aus schwerem Traume:
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Deutschland ist eins, und jeder ist ein Blatt
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Am riesengroßen Wunderbaume.
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Schon grollt man jedem fremden Übermut,
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Schon zürnt der Süden, ist der Norden frönig;
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Hinweg denn mit dem knechtischen Tribut,
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Dem Schoß an jenen Inselkönig!

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Frischauf, mein Volk, du großes Vaterland,
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Treueinig, wie ich's nimmer durfte schauen!
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Vollführe du, was mir im Herzen stand,
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Zu Masten laß des Forstes Tannen hauen!
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Dein sei der Sund, der dich nach Westen weist,
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Der Weg des Meeres dein, ein glorreich Lehen.
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Mit Kugeln gib den Zoll! Es soll mein Geist
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Am Steuer deines Heerschiffs stehen!«

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Er fuhr empor: die Helden stießen an,
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Die Schwerter klirrten und die grünen Becher,
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Und hastig bis zur Neige stürzten dann
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Den Wein hinab die seltnen Zecher.
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Da dröhnt' es Eins von Sankt Marien Turm,
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Die Kerze flackert' und erlosch im Schalle.
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Durch Pfort' und Gitter braust' es wie ein Sturm,
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Und einsam stand ich in der Halle.

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Mir graute nicht. Wohl hatt' ich sie erkannt,
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Die Heimgekehrten aus dem Reich der Gräber,
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Die mächtigen Gestalten Hand in Hand,
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Marx Meier, Jürgen Wullenweber.
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Mein Herz schlug kühn, zur Hoffnung hoch erwacht,
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Und durch des Herbstes Wind und Blättertreiben
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Heimschritt ich froh, um noch in tiefer Nacht,
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Was ich vernommen, aufzuschreiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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