Ins Gebirg' am frühen Tag

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Emanuel Geibel: Ins Gebirg' am frühen Tag Titel entspricht 1. Vers(1833)

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Ins Gebirg' am frühen Tag
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Schritt ich aus des Weidmanns Hütte,
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Wo der Freund auf seiner Schütte
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Noch in tiefem Schlummer lag.

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Und ich dacht' im Morgenrot:
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Ruht dem Schlaf anheimgegeben
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Er nicht lebend ohne Leben?
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Nicht ein Toter ohne Tod?

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Liegt vom ird'schen Druck besiegt
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Willenlos nicht hier die Hülle,
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Während halbgelöst die Fülle
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Seines Geists im All sich wiegt?

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Dennoch braucht's nur meiner Hand
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Einen Druck, und rasch vereinet
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Knüpft sich, was so locker scheinet,
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Zwischen Geist und Leib das Band.

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Der erloschne Blick wird glühn,
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Zucken wird der Muskeln jede,
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Und der Geist in holder Rede
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Von den stummen Lippen sprühn.

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In dies Wunder noch versenkt,
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Trat ich in die Nacht der Eichen,
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Die, sich wipfelnd, mit den reichen
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Schatten rings den See beschränkt.

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Horch, da weht' es, horch, da ging
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Leis Geräusch im Grün des Haines,
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Fast als wär's das Atmen eines,
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Welchen tiefer Schlaf befing.

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Seltsam sah der See mich an,
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Wie ein stummes Auge schmachtet,
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Wenn das kranke Haupt umnachtet
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Todverwandter Starrheit Bann.

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Und durch Blume, Laub und Strauch
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Wob es leise hin und wieder,
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Wie durch traumgebannte Glieder
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Ein verlorner Seelenhauch.

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Ja, ich spürt' im Waldrevier,
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In der Flut ein ahnend Beben -
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Hier auch Leben sonder Leben,
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Tod, doch sonder Tod auch hier.

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Und mir ward es:
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Aus dem Traum in dunkeln Weisen
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Redet ihre Sehnsucht nur.

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Aber einst erscheint der Tag,
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Wo das Wunder sich entdecket,
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Und der Herr zur Sprache wecket,
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Was in stummen Banden lag.

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In das Starre wunderbar
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Wird der Geist sich dann ergießen
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Und lebendig Leben fließen,
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Wo nur Bild und Zeichen war.

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Heilig Feuer muß mit Macht
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Den besiegten Stoff durchleuchten;
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Milde Seele glüht im Feuchten,
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Ros'ge Dämmrung wird die Nacht.

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Und was dumpfverworren klang,
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Wie ein Ruf aus dunkeln Träumen,
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Aus Gestein, aus Well' und Bäumen,
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Flutet weiter als Gesang.

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Dann lobpreisend im Azur
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Ziehn die Stern' als Bruderwesen,
62
Und es jauchzt in Gott genesen
63
Die erlöste Kreatur.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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