Der Templer

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Emanuel Geibel: Der Templer (1833)

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Durchs Haus des Ordens bei des Tags Verfärben
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Schleicht unheilvolle Kunde hin und her:
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»der Tempelmeister Odo liegt im Sterben.«

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Und jedem, der sie hört, bewölkt sich schwer
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Die heitre Stirn, und seine Lippen fragen:
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»ist's möglich?

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Er geht dahin, der noch vor wenig Tagen
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Den wilden Berberhengst zu stöhnen zwang,
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Der mit der Faust den Panther jüngst erschlagen?

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Der in der Feldschlacht wildverworrnem Drang,
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Bespritzt mit Blut bis zu den Gürtelschnallen,
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Zu Todesstreichen Liebeslieder sang?

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Auch er! So soll er nie beim Würfelfallen
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Mit uns durchzechen mehr die tiefe Nacht,
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Der einzige, der nüchtern bleibt von allen;

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Nie soll er mehr, von toller Brunst entfacht,
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Ein hold schwarzäugig Heidenkind umwinden,
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Von dessen Lippen heiß die Wollust lacht!

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Auch werden wir ihn nimmer wandelnd finden
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Im Mondschein auf der Mauern weitem Rund
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Und mit den Sternen sprechend, mit den Winden.

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Denn mancherlei Geheimnis ward ihm kund,
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Und seltsam mag's um seinen Glauben stehen;
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Doch tat er nie darüber auf den Mund.«

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So summt die Rede, und die Ritter gehen
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Zu Odos Zelle, noch ein letztes Mal
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Ihn, der des Ordens Pfeiler war, zu sehen.

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Sie treten ein. Im fahlen Dämmerstrahl
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Auf seinem Binsenlager ruht der Blasse;
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Aus seinem Auge brennt des Fiebers Qual.

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Die Hand, als ob sie noch nach Leben fasse,
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Greift irr umher, die Lippe krampft sich an,
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Daß sie des Schmerzes Schrei hervor nicht lasse.

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Da naht im ernsten Zuge der Kaplan
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Mit Kreuz und Kerzen beim Gesang der Lieder,
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Der Kranke soll den letzten Trost empfahn.

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Und vor dem Sakramente sinken nieder
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Aufs Knie die rotbekreuzten Brüder all,
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Er aber richtet auf die hagern Glieder.

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Und seine Stimme ruft mit dumpfem Schall,
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Wie wenn im Sturm geborstne Glocken läuten:
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»hinweg! Nicht bin ich eurer Furcht Vasall!

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Hinweg mit Formeln, die mir nichts bedeuten!
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Ich will nicht Tröstung. Immer war's mein Brauch,
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Das, was mir not war, selbst mir zu erbeuten;

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Den Sieg der Schlacht, der Minne glühnden Hauch,
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Die Wahrheit selber, die ich nackend schaute;
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Nun kommt der letzte Feind, ich zwing' ihn auch.

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Was starrt ihr alle, gleich als ob euch graute,
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Lebend'ge Säulen wie das Weib des Lot?
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Ich denke, klar sind meines Spruches Laute.

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Hat einer einst den Tod gemacht zu Spott
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Und ihn gekrümmt zu seinem Fuß gesehen:
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Ich tu's ihm gleich. Der Will' in mir ist Gott.

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Und dieses Wort lass' ich an euch ergehen:
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Kraft meines Willens und kraft meiner Kraft
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In dreien Tagen werd' ich auferstehen.

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Ich will, ich will -« In Murmeln grausenhaft
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Erstirbt das Wort, sein Auge stiert im Kreise,
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Er schlägt zurück aufs Bett, vom Tod entrafft.

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Die Ritter stehn verstummt, sie schaudert leise;
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Der Priester aber heißt das Rauchfaß schwenken
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Und summt gebeugt die dumpfe Totenweise.

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Und als herauf der Mittnacht Sterne lenken,
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Da wallt der Zug, bei düsterm Fackelschein
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Im Münsterchor den Leichnam zu versenken.

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Die offne Gruft empfängt den schwarzen Schrein,
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Drauf sie zum Wappen Schwert und Mantel legen;
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Dann wälzt sich drüber hohlen Schalls der Stein.

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Ein kurz Gebet - und auf geschiednen Wegen
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Sucht jeder sein Gemach verstört im Sinn
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Und träumet bang dem Morgenrot entgegen.

73
Es steigt der Tag, und ruhig vom Beginn
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Zum Ende schlingt sich seiner Stunden Kette;
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Der zweite kommt, der dritte schwindet hin.

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Doch als die dritte Mitternacht zur Mette
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Die Brüder all' versammelt hat im Chor,
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Geht unterirdisch Brausen durch die Stätte.

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Und sieh, der jüngste Grabstein birst empor,
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Und im gesprengten Sarg aus Bühr' und Linnen
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Ringt langsam sich ein greulich Bild hervor.

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Das Auge stumpfverglast gekehrt nach innen,
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Im fahlen Antlitz der Verwesung Graus,
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So strebt es auf, als wollt's der Gruft entrinnen;

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Die Lippen regt's, doch dringt kein Ton heraus,
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Nun tastet's mit den halbverdorrten Händen,
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Nun steigt's und streckt die Arme greifend aus.

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Da plötzlich aus der Gruft betropften Wänden
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Schießt zischend her von Schlangen ein Gewühl
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Und strickt im Knäul sich ihm um Bauch und Lenden.

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Mit ihren Leibern feucht und moderkühl
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Die ganze Leich' umzingeln sie in Scharen,
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Zurück sie zerrend auf den Totenpfühl.

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Und als die Brüder mit gesträubten Haaren
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Die Fackel nahn, zu prüfen, was sie sahn:
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Nur Schlangen können sie und Staub gewahren.

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Da starren all' entsetzt. Nur der Kaplan
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Hat seines frommen Mutes nicht vergessen,
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Und schaudernd spricht er: »Das hat Gott getan!

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Über den sünd'gen Geist, der sich vermessen,
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Das Werk des Herrn zu tun aus eigner Kraft,
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Ist er im Zorne zu Gericht gesessen.

103
Der Will' ist stark nur, den Gott selber schafft.
104
Wir aber flehn: In deines Sohnes Namen
105
Erlös' uns, Herr, einst von des Todes Haft!«

106
Die Ritter kreuzen sich und murmeln: »Amen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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