Daheim

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Emanuel Geibel: Daheim (1833)

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Daheim, daheim! Nach so viel Wandertagen,
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Nach so viel Nächten, wo ich sturmverschlagen
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Schlaflos im Schiff ersonnen meinen Reim,
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Nach Frost und Glut auf öden Felsenstiegen,
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Nach ew'ger Hast - o welche Zauber liegen
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In diesem kleinen Wort: Daheim!

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Nun knattert im Kamin mit raschem Schimmer
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Die Flamme schon; mein holzgetäfelt Zimmer
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Erdämmert rosig. Müßig schau ich zu.
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Der Armstuhl hier mit den gewundnen Füßen,
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Die alten Bilder - alles will mich grüßen
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Mit einem Hauche tiefer Ruh';

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Die Bücher dort, die mir mit goldner Kunde
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Hinweggetäuscht so manche schwere Stunde,
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Der Hausrat, den die Mutter noch gewählt,
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Die Wanduhr selbst, die mit verhaßtem Schlage
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Mich oft ins Bett trieb, wenn die schönste Sage
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Die blonde Schwester mir erzählt;

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Und hier das Fenster! Ja, das sind die Straßen,
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Wo wir einst spielten, wo wir abends saßen
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Zur Sommerszeit, vom Lindenduft umwebt;
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Dort stehn die Türme, dort aus Stein gebacken
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Die schwarzen Giebel, hinter deren Zacken
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Der Mond die Silberscheibe hebt.

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Und durch die Dämmrung flatternd das vertraute
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Geschwätz der Mädchen, die bekannten Laute,
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Nach denen sich so oft mein Herz gesehnt,
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Wenn ich, indes der Beifall stürmisch rauschte,
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Mit halbem Ohr der fremden Weise lauschte,
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In einer Loge Samt gelehnt.

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Ach, alles, alles - hell ins Auge schießen
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Die Tränen mir; sei's drum, sie mögen fließen!
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Was lächelt ihr? - Laßt mich, ich bin ein Kind.
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Ihr aber, nie entflohn aus eurem Ringe,
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Ihr wißt es nicht, wie lieblich diese Dinge
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Nach jahrelangen Fahrten sind.

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Ihr wißt auch nicht, wie selbst am Starren, Toten
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Vom Geiste, der darüber einst geboten,
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Ein Schimmer hängen bleibt, ein irres Licht;
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Wißt nicht, wie in Geräten, Häusern, Bäumen
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Wohnt eine Stimme, die gleichwie aus Träumen
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Der eignen Jugend zu euch spricht;

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Noch wißt ihr, daß am Born in Waldesmitten,
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Wo ihr mit eurem Mädchen sonst geschritten,
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Am Eichbaum, drein ihr eure Namen schriebt,
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Euch noch nach Jahren, einsam hingetrauert,
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Wie Rosenduft ein leiser Hauch umschauert
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Der Liebe, die ihr einst geliebt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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