Am Meere

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Emanuel Geibel: Am Meere (1833)

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O leiser Wogenschlag, eintönig Lied,
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Dazu die Harfe rührt der müde Wind,
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Wenn Well' auf Welle blinkend strandwärts zieht
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Und dann auf goldnem Ufersand verrinnt,
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Wie oft in märchenhaftes Traumgebiet
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Verlockte mich dein Wohllaut schon als Kind!
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Versunken stand ich dann und lauschte tief,
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Bis mich die Nacht vom lieben Strande rief.

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Und alles, was Geheimnisvolles je
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Mir kund ward, dämmert' auf in meinen Sinnen:
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Durchsicht'ge Schlösser auf dem Grund der See
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Mit Silberpfeilern und Korallenzinnen;
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Meerkönig saß mit seinem Bart von Schnee
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Auf buntem Muschelstuhl und harfte drinnen,
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Und Nixen spannen zu dem süßen Schall
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Von goldnen Spindeln Fäden von Kristall.

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Doch als ich älter ward, da lauscht' ich nicht
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Auf weiße Nixen mehr noch auf Sirenen;
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Mein eigen Leben blühte zum Gedicht,
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Und wieder trug zum Strand ich all mein Sehnen.
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Dem Seewind bot ich mein erhitzt Gesicht,
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Er kühlte mich und küßte mir die Tränen
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Vom Auge fort - ich aber sprang ins Boot
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Und steuert' heiß hinaus ins Abendrot.

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Und überm Wasser sang ich - mild und wild,
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Reimlose Weisen, wie des Herzens Drang
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Sie eingibt, wenn's bis zum Zerspringen schwillt,
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Nun jauchzend, nun in Sehnsucht todesbang;
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Heiß wie die Träne, die bewußtlos quillt,
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So flutet' aus der Seele mein Gesang,
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Der jungen Liebe kunstlos rauhes Lied,
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Das erste, das die Muse mir beschied.

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Und wenn des Mondes klares Auge dann
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Im Blauen aufging, und auf weiter Flut
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Sein kühles Silber irren Scheines rann,
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Da ward mir still und friedensvoll zumut.
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Das Ruder zog ich ein und saß und sann
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Von goldner Zukunft. O, es sinnt sich gut
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Im Kahne - nichts umher in Näh' und Ferne
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Als Lieb' und Meer und über uns die Sterne.

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Einst kehrt' ich heim - O, wie ich da sie fand,
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Mein lockig Kind, das spät zum Strand gegangen,
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Und wie ich schwieg, und sie mich doch verstand
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Und selig glüht' und doch verstummt' in Bangen,
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Wie meine Lippe brannt' auf ihrer Hand
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Gleich Flamm' auf Schnee und dann auf ihren Wangen,
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Und dann in wonn'gen Zähren all ihr Stolz,
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In langen Küssen all ihr Wesen schmolz:

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Wer sänge das! - Ein Jüngrer könnt' es kaum,
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Von ros'ger Schönheit zum Gesang geweiht,
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Ein Jüngrer, dem der Seele duft'gen Flaum
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Noch nie versehrt des Schicksals Bitterkeit.
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Mir aber liegst du fern schon wie ein Traum,
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Du meines Herzens süße Veilchenzeit,
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Du goldne Dämmrung, ach, mit allen Wonnen
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Verweht im Wind, wie Flut und Schaum zerronnen. -

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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