O Frühling, Frühling, der in mildem Tauen

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Emanuel Geibel: O Frühling, Frühling, der in mildem Tauen Titel entspricht 1. Vers(1833)

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O Frühling, Frühling, der in mildem Tauen
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Voll Schöpfungswonne du das All durchdringst,
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Der du das Meer, den Himmel lässest blauen
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Und rauschend mit dem Bach vom Felsen springst,
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Der du die Flur mit goldnen Schauern tränkst
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Und still in jedes Veilchens Schoß dich senkst;
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Der du zum Lied wirst in des Vogels Kehle,
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Die jauchzend hoch im Äther überfließt,
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Alls Liebe schleichest in des Mädchens Seele,
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Daß schöner, wie du sie im Tal erziehst,
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Die rote Ros' auf ihren Wangen sprießt:
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O Frühling, tiefer, süßer Gotteshauch,
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Sei mir gegrüßt und fülle du mich auch!
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Wie eine Welle leg' dich an mein Herz
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Und spüle sanft hinweg den letzten Schmerz!

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Du nimmst ihn weg. Es kommt mit deinem Wehen
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Ein schönes, jugendliches Auferstehen.
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Du kleidest nicht den Forst allein in Grün
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Und lehrst die junge Brut die Flügel heben:
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Mit jedem Laub muß eine
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Um mit den Lerchen sonnenwärts zu schweben,
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Ja, zu den Gräbern seh' ich fromm dich schreiten,
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Die tau'gen Opferspenden drauf zu breiten,
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Als wolltest du mit Kränzen und mit Zähren
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So Gram als Tod in Herrlichkeit verklären.

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O Zeit, wo Rosen auf den Grüften stehn,
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Und wir den Tod selbst Blüten tragen sehn!
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Da mag das Herz, nicht mehr der Sorge Raub,
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Den Kirchhof der
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Und, Frühling ahnend in vermorschtem Staub,
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Getrost an halb versunknen Mälern beten;
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Es fühlt, kein Fünkchen Geist ist uns verloren,
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Die Blüte fällt, doch auch das Samenkorn,
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Der Fels zerbirst, doch ihm entwallt der Born,
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Und aus der Lava wird der Wein geboren.

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So denk' ich dein zuerst im Totenfeld,
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Mein Hellas, blühend Jugendland der Welt,
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Wo unter sel'gem Himmel ohne Neid
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Der Baum emporwuchs holder Menschlichkeit;
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Wo wie im Busen der gewölbten Laute
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In jeder Seel' ein tiefer Wohllaut schlief,
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Wo jede Trauer den Altar sich baute,
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Und jede Lust nach ihrem Gotte rief,
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Du heilig Land, an dessen Sonnenküsten
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Die Schönheit stieg, da sie das Meer gezeugt,
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Und dessen Kinder sie an Götterbrüsten,
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Die jungfräuliche Amme, groß gesäugt.

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Ja
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Verschwendrisch ausgoß auf die Säulenreihen,
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Von der ein Schimmer auf des Kindes Spiel
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Wie auf die braune Stirn des Helden fiel;
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Ihr Walten war's, wenn an Alphëus' Strand
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Im Staub der Rennbahn, hoch vor allem Volke,
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Der Rosselenker auf dem Wagen stand,
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Dem jungen Phöbus gleich in seiner Wolke;
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Ihr Walten, wenn der tote Marmorstein
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Errötend in das Leben jauchzt' hinein,
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Wenn, ein Gewitter, von des Redners Stuhle
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Der heil'ge Eifer zürnend sich ergoß,
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Und wenn im Ölwald vor der frommen Schule
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Ein hold Gespräch von weiser Lippe floß.
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Ihr Walten war's, wenn bei den Thermopylen,
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Den Helm bekränzt, im frohen Festgewand,
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Das Auge lächelnd, die Dreihundert fielen,
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Ein freudig Opfer für das Vaterland;
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Wenn dann von solchem Segen übervoll
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Ein großes Lied aus trunkner Seele quoll,
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Und, während andachtsvoll die Menge lauschte,
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Von selbst der Lorbeer in die Strophen rauschte.
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Und doch versunken? - Ja. Die Form zerbrach,
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Da länger nicht der Geist den Segen sprach;
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Da dein Geschlecht im Fieber der Partein
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Den heißen Stahl im Bruderblute kühlte
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Und frech mit ihm dein eigen Herz durchwühlte,
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Da zogen aus die Götter - Philipp ein.
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Dein Genius aber sang sein Schwanenlied
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Im Donner des Demosthenes und schied.

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Doch nicht für alle Zeiten. Nein, o nein!
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Mein Hellas, du bist unser, du bist mein.
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Jung und unsterblich schreitet deine Sage
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Mit blühnden Lippen noch durch unsre Tage;
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Allüberall, wo Großes soll erstehen,
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Geht von dir aus ein schöpferisches Wehen;
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Dem Künstler bist du, bist dem Sänger nah,
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Und wie dereinst aus goldnem Henkelkruge
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Die königliche Maid Nausikaa
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Den Dulder tränkt' auf seinem Wanderzuge,
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So tränkst du, will's in unsern Brunnen fehlen,
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Mit Schönheit und mit Freiheit unsre Seelen,
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Mit jener Freiheit, welche Plato zeugt,
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Für die geblutet Aristides' Wunden,
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Die groß und still sich vor den Göttern beugt,
93
Weil sie das Göttlichste, das Maß, gefunden. -

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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