An den König von Preußen

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Emanuel Geibel: An den König von Preußen (1833)

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Ich habe nie nach Gunst gerungen,
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Ich sang allein, was ich gemußt;
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Wie Rosen, frisch dem Lenz entsprungen,
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So brach's hervor aus meiner Brust.
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Und fröhlich streut' ich in die Winde
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Die leichte, reiche Blumenpracht;
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Ob sie der Freund, der Tadler finde,
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Ich hab' es nie zuvor bedacht.

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Doch dir, o Fürst aus edlem Stamme,
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Der treu vor Gott sein Volk regiert,
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Den schöner noch des Geistes Flamme
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Als seiner Väter Krone ziert,
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Auf den, wenn sich die Wolken schwärzen,
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Als Leuchtturm schauet Deutschlands Kern:
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Wie dank' ich dir aus tiefstem Herzen,
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Wie dank' ich alles dir so gern!

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Was ich in unsrer Wälder Stille,
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An Hellas' Strand umsonst begehrt,
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Das hat dein königlicher Wille
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Aus freien Hulden mir gewährt:
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Du gabst ein Leben mir, vom Staube
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Des niedern Marktes unberührt,
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Ein Leben, wie's im grünen Laube
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Der freie Vogel singend führt.

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So helfe Gott mir, daß ich walte
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Mit Ernst des Pfundes, das mir ward,
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Daß ich getreu am Banner halte
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Der deutschen Ehre, Zucht und Art.
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Fern von dem Schwarm, der unbesonnen
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Altar und Herz in Trümmern schlägt,
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Quillt mir der Dichtung heil'ger Bronnen
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Am Felsen, der die Kirche trägt.

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Nicht, daß mir drum in Nacht versunken
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Die Welt und ihre Schönheit sei,
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Nein! Wer aus jenem Born getrunken,
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Dem ward erst ganz die Lippe frei.
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Sein ernster Mut mag fröhlich scherzen,
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Des Grundes, drauf er steht, bewußt;
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Er trägt erblüht im reinen Herzen
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Den Rosengarten jeder Lust.

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Und wo die grimmsten Qualen bluten,
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In jeden Abgrund schaut er kühn,
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Sieht er doch ob den finstern Fluten
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Den Bogen der Versöhnung glühn.
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Den Fluch, den Ödipus entsandte,
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Er zeugt ihn neu aus
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Und schreitet unversehrt wie Dante
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Selbst durch der Hölle Flammen hin.

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Und so durch Wonn' und Jammer gehn!
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Kein eitel Spielwerk ist mein Singen,
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Ich spür' in mir des Geistes Wehn.
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Und ob auch der Vernichtung Tönen
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Der Haufe rasch entgegenflammt:
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Zu baun, zu bilden, zu versöhnen,
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Fürwahr, mir dünkt's ein besser Amt.

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Ob jemals ich den Kranz gewinne,
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Des Dichters Preis, wer sagt es an!
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Steil ragt empor des Ruhmes Zinne,
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Und kaum betrat ich erst die Bahn.
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Doch rührt von jenen dunkeln Zweigen
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Ein Blatt auch nur die Stirne mir:
62
Der Mutter sei's geweiht zu eigen,
63
Dem deutschen Vaterland - und dir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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