Lübecks Bedrängnis

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Emanuel Geibel: Lübecks Bedrängnis (1833)

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Nun reich', o Muse, den Pokal,
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Doch laß von hellem Zorn ihn schäumen!
3
Ein Lied gib, das wie Blitzesstrahl
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Die Schläfer schreck' aus ihren Träumen!
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Wie Ruf der Glocke zur Gefahr
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Erschall' es weit im deutschen Lande;
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Es gilt der Stadt, die mich gebar,
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Der Mutter, die man schlägt in Bande!

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Wie steigst, o Lübeck, du herauf
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In alter Pracht vor meinen Sinnen
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An des beflaggten Stromes Lauf,
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Mit stolzen Türmen, schart'gen Zinnen!
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Dort war's, wo deiner Erker Zahl
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Der Hansa Boten wartend zählten,
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Dort, wo die Väter hoch im Saal
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Ein Haupt für leere Kronen wählten.

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Denn eine Fürstin standest du,
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Der Markt war dein, und dein die Wege,
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Du führtest reich dem Süden zu,
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Was nur gedieh in Nordens Pflege.
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Es bot dir Norweg seinen Zoll,
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Der Schwede bog sein Haupt, der Däne,
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Wenn deine Schiffe segelvoll
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Vorüberflohn, des Meeres Schwäne.

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Und jetzt? - Verhüll' ihn nicht im Lied,
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Den Schmerz, daß solcher Glanz zerronnen;
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Nur leis um deine Stirn noch zieht
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Die Glorie der versunknen Sonnen.
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Wohl beugt sich still, wen eh'rnen Schritts
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Ein groß Geschick im Gang versehret,
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Doch das empört, wenn Menschenwitz
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An alter Größe hämisch zehret.

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Jetzt trägst du
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Zerpflückt man deinem Aar mit Hadern,
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Durchschneidet kleinen Ingrimms dir
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Die Straßen, deines Lebens Adern.
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O Schmach und Scham! Das Land hindurch
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Ist tiefer Fried' in Süd und Norden,
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Du aber bist wie eine Burg,
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Die man umlagert hält, geworden!

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Du zahlst es spät uns heim fürwahr,
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O Dänemark, mit bittrem Leide,
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Daß einst vor uns dein Waldemar
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Erzittert' auf Bornhöveds Heide:
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Daß er, der kaum noch trunknen Muts
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Geprunkt im Schwarm der Bogenspanner,
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Auf flücht'gem Renner, wund, voll Bluts
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Heimsprengte nach verlornem Banner.

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Doch sei's. Du warst uns ewig feind;
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Und magst du Bündner auch dich wähnen:
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Von Herzen hast du's nie gemeint,
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Es taugt der Deutsche nicht zum Dänen.
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Wir sahn uns bei der Dörfer Brand
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Zu oft ins Aug' auf blut'gem Pfade,
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Als unsrer Bürger Schar noch stand
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Des Reiches Wall am Nordgestade.

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Und als du jüngst in finsterm Mut
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Dem Franken dich, dem Feind, verbündet:
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Da ward des alten Haders Glut,
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Die kaum erloschne, neu entzündet.
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Wir aber stürzten zornentfacht
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Zur Fahne bei der Trommel Dröhnen;
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Es tauft' als Priest'rin uns die Schlacht
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Mit Blut zu Deutschlands freien Söhnen.

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Bei dieser Weihe, die uns ward,
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Und bei dem Geiste, den wir tragen,
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Der heute noch so deutscher Art
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Sich rühmt wie in der Väter Tagen,
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Bei jenem Band, das Pfeilen gleich
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Umwindet
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O hör' uns rufen, deutsches Reich,
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Und unsres Feindes Trutzen dämme!

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O wär' ein Hauch Bertrands de Born,
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Des Troubadours, in meinen Zeilen,
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Daß grollend eines Königs Zorn
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Sie waffneten mit Blitzeskeilen!
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O naht' uns
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Es drängt die Not - o daß er käme
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Und spräche deutsch das Römerwort:
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»sorgt, daß die Stadt nicht Schaden nehme!«

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Doch ist's umsonst, verweht ein Blatt
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Im Wind der Ruf, den wir entsenden:
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Dann naht dein Letztes, alte Stadt,
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Dann wiss' in Schweigen groß zu enden.
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Geharnischt, stehend wie der Cid,
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Zusammenbrich mit deinem Ruhme,
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Und deines letzten Dichters Lied
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Nimm mit hinab als letzte Blume!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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