An Georg Herwegh

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Emanuel Geibel: An Georg Herwegh (1833)

1
Es scholl dein Lied mir in das Ohr
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So schwertesscharf, so glockentönig,
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Als wär' aus seiner Gruft empor
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Gewallt ein alter Dichterkönig.
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Und doch! Ich weis' es nicht von mir,
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Ich muß dich in die Schranken laden;
7
Komm an in voller Harnischzier,
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Auf Tod und Leben Kampf mit dir,
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Kampf, du Poet von Gottes Gnaden.

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Bist du dir selber klar bewußt,
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Daß deine Lieder Aufruhr läuten;
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Daß jeglicher nach seiner Brust
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Das Ärgste mag aus ihnen deuten?
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Der Zwerg, der matte Pfeile schnitzt,
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Wohl, - schieß' er, ohne fest zu zielen;
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Doch wer vom Wetterlicht umblitzt
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Im Donnerwagen grollend sitzt,
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Der soll nicht mit den Zügeln spielen.

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Fürwahr, ein Sämann schreitest du,
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Der Samen streut, doch der Zerstörung;
21
Ein Glöckner, der aus ihrer Ruh'
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Die Völker stürmt, doch zur Empörung.
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Du willst die Flamme, die so rein
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Und heilig strahlt durch alle Lande,
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Du willst den warmen Gottesschein
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Zur Fackel Herostrats entweihn
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Und schwingst sie wild zum Tempelbrande.

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Wozu sonst dieses Schwerterklirrn,
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Die Kriege, die dein Lied gefodert,
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Die hast'ge Glut, die durch dein Hirn
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In tausend Funken prächtig lodert?
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O nein! Das ist nicht deutsche Art!
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Wohl kämpfen wir auch für das Neue;
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Ums Freiheitsbanner dicht geschart,
35
So stehn auch wir; doch aufbewahrt
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Aus

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Verhaßt auch uns ist der Baschkir,
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Der Unterjocher der Gedanken,
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Und keinen Deut begehren wir
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Von jenen übermüt'gen Franken.
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Wir wollen auch, daß frei das Wort
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Durch alle Lüfte möge fluten;
43
Es dünkt auch uns in Süd und Nord
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Das Wort der beste Freiheitshort -
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Doch soll darum dein Volk verbluten?

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Nein! Glaub', der Tag ist bald erwacht,
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Der Morgen naht, wo wir's erringen,
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Nicht ohne Kampf, doch ohne Schlacht,
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Der Geist ist stärker als die Klingen.
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Geharnischt steht er auf dem Plan,
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Er, der mit Luthern einst gefochten;
52
Durch tausend Lanzen bricht er Bahn,
53
Und mag die Hölle dräuend nahn:
54
Der Lorbeer bleibt ihm doch geflochten.

55
Drum tu dein Schwert an seinen Ort,
56
Wie Petrus tat, da er gesündigt;
57
Die Freiheit geht nicht auf aus Mord,
58
Blick nach Paris, das dir's verkündigt.
59
Vom Geist will sie gewonnen sein;
60
Doch wer ihr Kleid, so rein und heiter,
61
Mit blut'gem Makel mag entweihn,
62
Und säng' er Engelsmelodein:
63
Der ist der Welt, nicht Gottes Streiter.

64
Ich sing' um keines Königs Gunst,
65
Es herrscht kein Fürst, wo ich geboren;
66
Ein freier Priester freier Kunst
67
Hab' ich der Wahrheit nur geschworen.
68
Die werf' ich keck dir ins Gesicht,
69
Keck in die Flammen deines Branders;
70
Und ob die Welt den Stab mir bricht:
71
In Gottes Hand ist das Gericht;
72
Gott helfe mir! - Ich kann nicht anders.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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