Das Negerweib

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Emanuel Geibel: Das Negerweib (1833)

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Wo am großen Strom die Sicheln durch das hohe Rohrfeld klirren,
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Und im Laub des Zuckerahorns farb'ge Papageien schwirren,
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Sitzt das Negerweib, den Nacken bunt geziert mit Glaskorallen,
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Und dem Knäblein auf dem Schoße läßt ein Schlummerlied sie schallen:

5
»schlaf, o schlaf, mein schwarzer Knabe, du zum Jammer mir geboren,
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Eh' zu leben du beginnest, ist dein Leben schon verloren,
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Schlaf, o schlaf, verhüllt im Dunkel ruhn dir noch der Zukunft Schrecken,
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Nur zu früh aus deinen Träumen wird der Grimm des Herrn dich wecken.

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Was die Menschen Freude heißen, wirst du nimmermehr empfinden,
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Dort nur fühlt sich's, wo des Nigers Wellen durch die Flur sich winden.
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Nie den Tiger wirst du fällen mit dem Wurf der scharfen Lanzen,
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Nie den Reigen deiner Väter zu dem Schlag der Pauke tanzen.

13
Nein, dein Tag wird sein voll Tränen, deine Nacht wird sein voll Klagen,
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Wie das Tier des Feldes wirst du stumm das Joch der Weißen tragen,
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Wirst das Holz den Weißen fällen und das Rohr den Weißen schneiden,
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Die von unserm Marke prassen und in unsern Schweiß sich kleiden.

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Kluge Männer sind die Weißen, sie durchfahren kühn die Meere,
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Blitzesglut und Schall des Donners schläft in ihrem Jagdgewehre,
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Ihre Mühlen, dampfgetrieben, regen sich mit tausend Armen,
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Aber ach, bei ihrer Klugheit wohnt im Herzen kein Erbarmen.

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Oftmals hört' ich auch die Stolzen sich mit ihrer Freiheit brüsten,
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Wie sie kühn vom Mutterlande losgerissen diese Küsten,
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Aber über jenen Edlen, der mit Mut das Wort gesprochen,
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Daß die Schwarzen Menschen wären, haben sie den Stab gebrochen.

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Süß erklinget ihre Predigt, wie ein Gott für sie gestorben
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Und durch solches Liebesopfer aller Welt das Heil erworben;
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Doch wie soll das Wort ich glauben, wohnt es nicht in ihren Seelen?
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Ist denn das der Sinn der Liebe, daß sie uns zu Tode quälen?

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O du großer Geist, was taten meines armen Stamms Genossen,
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Daß du über uns die Schalen deines Zornes ausgegossen!
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Sprich, wann wirst du mild dein Auge aus den Wolken zu uns wenden?
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Sprich, o sprich, wann wird der Jammer deiner schwarzen Kinder enden?

33
Ach, das mag geschehen, wenn der Mississippi rückwärts fließet,
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Wenn an hoher Baumwollstaude dunkelblau die Blüte sprießet,
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Wenn der Alligator friedlich schlummert bei den Büffelherden,
36
Wenn die weißen freien Pflanzer, wenn die Christen Menschen werden.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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