Der Alte von Athen

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Emanuel Geibel: Der Alte von Athen (1833)

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Es wehte kühl vom Meer, der Tag war längst gesunken,
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Das Feuer am Iliß versprühte rote Funken,
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Im Kreise lag die Schar, das Banner aufgepflanzt,
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Die Pfeifen glommen hell, der Becher ging im Kreise,
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Und zu der Trommel Schlag und der Hoboen Weise
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Ward die Romaika getanzt.

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Wie klirrten da im Takt die Säbel der Gesellen!
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Wie flatterten im Wind die weißen Fustanellen!
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Der Flamme Strahl beschien manch bärtig Angesicht,
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Gefurcht und sonnverbrannt, und plötzlich dann dazwischen
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Ein lockig Knabenhaupt; so schaut aus dunkeln Büschen
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Im Lenz der Rose junges Licht.

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Da trat ein alter Mann ins tosende Gedränge,
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Wohl ragt' er aus der Schar um eines Hauptes Länge,
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Hinab zum Gürtel floß der Bart ihm silberweiß,
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Kühn war die Stirn, darum die Locken flatternd wehten,
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In seinem Auge glomm das Feuer des Propheten,
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Und also rief der hohe Greis:

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»hinweg, Verblendete, mit Trinkgelag und Reigen!
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Setzt ab den Weinpokal, laßt die Hoboen schweigen,
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Den lust'gen Schall der Trommel dämpft!
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Vergeßt ihr, daß, indes ihr schwelgt in müß'ger Feier,
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Auf Kretas blut'gem Strand der Adler mit dem Geier
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Um eurer Brüder Leichen kämpft?

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O wär' ich noch ein Knab', ich könnte Tränen weinen!
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Doch Mut! Wie unheilvoll für uns die Sterne scheinen,
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Noch ward die Hoffnung nicht zum Trug;
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Leonidas erlag einst an den Thermopylen,
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In Flammen stand Athen, und seine Tempel fielen,
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Eh' Salamis die Perser schlug.

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Drum auf! Nicht länger hört, was euch die Fremden raten;
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Im Schwerte nur ist Heil, und mit des Schwertes Taten
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Rächt Kretas Schmach und Griechenlands;
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Die Zeit ist reif, den Grund, drin unsre Heil'gen modern,
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Den frechgeraubten Grund im Kampf zurückzufodern;
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Gen Norden geht es nach Byzanz!

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So steigt denn vom Gebirg', ihr braunen Klephten, nieder,
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Ergreift das lange Rohr, den krummen Säbel wieder,
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Erwacht, ihr Männer von Athen!
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Ihr Adler Sulis, auf und zeigt den Weg den andern,
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Kanaris, fülle du den Hellespont mit Brandern,
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Laß, Hydra, deine Wimpel wehn!

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Und du, o junger Fürst von blondem Heldenstamme,
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Das Wittelsbacher Schwert war sonst der Schlachten Flamme,
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Vertrau', ein Schwimmer, dich der Zeit gewalt'gem Strom;
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So schön der Ölzweig ziert, er weicht dem Lorbeerkranze,
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Wir harren deines Winks; wirf dich aufs Roß und pflanze
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Das Kreuz auf Sankt Sophiens Dom!

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Hört ihr's in hoher Luft wie ziehnde Schwäne singen?
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Der Engel Scharen sind's, die Flammenschwerter schwingen,
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Vor ihnen wird der Feind zum Spott;
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Wem sie zu Häupten ziehn, mag Not und Tod verachten,
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Darum frisch auf, mein Volk! Es rufen dich die Schlachten,
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Vorwärts! Vorwärts! Mit uns ist Gott.«

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So sprach der hohe Greis und schwand im Volksgedränge,
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Hoch schlug das Feuer auf - erschüttert stand die Menge,
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Sie bebten; jeder Mund sprach murmelnd ein Gebet.
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Wohl forscht' ich, aber wo der Alte hergekommen,
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Ob er ein Schwärmer war, ich hab' es nicht vernommen;
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Doch, traun, mir dünkt' er ein Prophet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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