Im Grafenschlosse

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Emanuel Geibel: Im Grafenschlosse (1833)

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Sie waren alle in den Forst hinaus,
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Den Hirsch mit Büchs' und Messer zu erlegen;
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Ich saß allein im alten Grafenhaus
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Und harrt' im Saal der Jägerschar entgegen.
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Ein fahles Spätrot floß gedämpften Lichts
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Auf Wänd' und Hausrat durch die engen Scheiben,
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Rings Totenstill' umher! Ich hörte nichts,
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Als vorn im Hof den Zugwind in den Eiben.

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Die Spiegel rings, in dumpfes Gold gefaßt,
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Das Laubwerk am Gesims, einst vielbewundert,
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Die düstern Samttapeten, halb verblaßt, -
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Mich mahnt' es an ein anderes Jahrhundert.
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Die Spieluhr sang ein Lied aus alter Zeit,
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Ein Liebeslied - jetzt lange schon vergessen -
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Da dacht' ich derer, die in Lust und Leid
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Bei diesem Stückchen horchend einst gesessen.

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Und mit Gestalten füllt' ich mir den Saal,
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Die dunkeln Bilder rief ich aus den Rahmen;
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Hin durch die Dämmrung schwebten sie zumal,
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In Festesputz die alten Herrn und Damen.
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Ich sah den Reifrock, das Brokatgewand;
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Das war ein hastig flüsterndes Bewegen,
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Ein Drehn! - Da fühlt' ich plötzlich eine Hand
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Sich kalt wie Eis auf meine Schulter legen.

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Ich wandte mich - bei Gott, das war kein Wahn! -
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Da stand ein Weib mit Zügen bleich und steinern,
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Mit schwarzverschoßnem Schleppkleid angetan,
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Draus ihre Hand hervorsah elfenbeinern.
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Sie sah mich an - o dieser Blick voll Leid!
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O dieses Auges halberloschnes Strahlen!
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Mir war's, als starrt' ich in die Ewigkeit
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Und in den Abgrund bodenloser Qualen.

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Sie winkt' und schritt. Nicht hört' ich ihren Fuß,
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Nicht ihrer Schleppe Saum den Teppich rühren.
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Sie sprach kein Wort, sie sagte keinen Gruß;
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Sie winkt', und tonlos sprangen auf die Türen.
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Ich folgte stumm. Sie schwebte vor mir her
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Durch Prunkgemächer, Treppen auf und nieder,
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Durch Gänge dann und Säle wüst und leer -
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Sie schritt und sah sich um und winkte wieder.

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Zum Erkerturm! Es war ein eng Gemach,
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Gewölbt und dumpfig, eine düstre Stätte;
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Ein Tischchen hier, drauf alter Goldschmuck lag,
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Und hoch und faltig dort ein Himmelbette.
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Dort stand sie still und wies mit weißer Hand
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Erst auf den Tisch, dann auf die staub'gen Dielen;
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Ich beugte mich - o Gott, mein Sinnen schwand -
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Ein Blutfleck war's, worauf die Blicke fielen.

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Und schaudernd sah ich auf. Da war sie fort,
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Wie Nebel in die leere Luft verschweben;
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Ich aber stand gebannt am grausen Ort
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Und starrt' und wagte nicht den Fuß zu heben.
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Mein Atem flog, mein Blut gefror zu Eis,
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Da - Gott sei Dank - da hört' ich Hornfanfaren,
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Gebell und Hufschlag; und in kaltem Schweiß
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Stürzt' ich hinunter zu den Jägerscharen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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