In einer Waldschlucht finster

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Emanuel Geibel: In einer Waldschlucht finster Titel entspricht 1. Vers(1833)

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In einer Waldschlucht finster,
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Wo heimlich baut der Fuchs,
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Wo Farrenkraut und Ginster
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Sich rangt in üpp'gem Wuchs,
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Lag ich, vom Grün umwoben,
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An einem dunklen Bach;
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Es lugte kaum von oben
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Die Sonn' ins Laubgemach.

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Ich hatte Moos zum Pfühle,
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Gestrüpp zur Lagerstatt,
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Vom Fels kam eine Kühle
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Und ging durch Busch und Blatt;
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Und kühle quoll der Sprudel
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Und murrt' am schroffen Hang,
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Den oft bei Nacht im Rudel
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Die Hindin übersprang.

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Mit rotem Auge schaute
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Vom Baum der Auerhahn,
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Es zog mit heisrem Laute
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Der Häher seine Bahn;
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Dann hämmert' abgebrochen
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Der Specht von Zeit zu Zeit -
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Mir war's, als hört' ich pochen
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Das Herz der Einsamkeit.

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Da plötzlich sah ich lehnen
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Am Stamm ein hohes Weib,
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Umwallt von lockigen Strähnen
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Den wunderschönen Leib;
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Wem ward zum Eigentume
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Je solch ein Goldgewand!
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Sie trug eine blaue Blume
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In ihrer weißen Hand.

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Sie sprach: »Sei mir willkommen!
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Du bist ein seltner Gast,
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Doch hast du dir zum Frommen
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Erkoren hier die Rast;
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Von allen Königinnen
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Die reichste bin ich bald;
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Mein Schloß mit grünen Zinnen,
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Das ist der lust'ge Wald.

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Sonst macht' ich wohl hinunter
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Ins offne Land den Ritt,
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Und Blumen sproßten munter,
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Wohin mein Zelter schritt;
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Zu bringen Lust und Minne,
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Das war mein fröhlich Recht;
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Doch ist von anderm Sinne
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Das heurige Geschlecht.

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Das träumt von Klingenhieben,
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Von Schlacht nur und Geschoß;
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Da bin ich heimgeblieben
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In meinem Zauberschloß.
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Nun lehr' ich singend wallen
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Den Bach durch Fels und Ried,
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Nun lehr' ich die Nachtigallen
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Im Lenz ihr süßestes Lied.

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Ich weiß, auch du mußt fechten,
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Auch du gehörst der Zeit;
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So steh' zu deinen Rechten
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Und führe wackern Streit!
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Doch will dein Arm ermüden,
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Bei mir dann kehre du ein,
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Im säuselnden Waldfrieden
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Sollst du gekräftigt sein.

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Da sollst du Frische saugen
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Im harz'gen Duft vom Tann,
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Da schaut aus Blumenaugen
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Das Märchen froh dich an;
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Und macht der Forst dich singen:
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Es wird in der Zeiten Gang
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Auf solche Weise dringen
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Wie grüner Waldhornklang.«

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Sie sprach's; ich stand erschrocken
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Und wußte nicht ein Wort,
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Da schüttelte sie die Locken
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Und schwand ins Dickicht fort.
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Noch glaubt' ich fern das Wallen
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Zu sehn des goldnen Haars,
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Doch in den Buchenhallen
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Ein Strahl der Sonne war's.

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Und wieder schrie der Häher,
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Und wieder quoll die Flut;
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Doch mir entzücktem Seher
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War groß und still zumut.
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Und zeihn sie mir's als Sünde:
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Ich lasse dich dennoch nie,
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O Fei der Waldesgründe,
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O Sagenpoesie!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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