Auf dem Anstand

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Emanuel Geibel: Auf dem Anstand (1833)

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Grau ist der Morgen, streif'ge Nebel wallen,
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Ein leiser Regen spinnt sich trüb und kalt;
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Die roten Blätter seh' ich langsam fallen -
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Jagdwetter schien's, drum zogen wir zu Wald.
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Schon spürt die Meute fern, sie bellt im Suchen,
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Und ihr Gebell verheißt uns gute Pirsch;
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Ich steh' im feuchten Herbstlaub an den Buchen,
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Gespannt die Büchse, pass' ich auf den Hirsch.

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Mich fröstelt. - Sollt' in meiner Weidmannstasche
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Bei Blei und Pulver nicht Erquickung sein? -
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Fürwahr, das ist die korbumflochtne Flasche!
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Ein tücht'ger Zug! - Ha, das ist Zyperwein!
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Heiß rinnt et durch die Adern, durch die Glieder -
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Floß durch die Wipfel plötzlich Sonnenglanz?
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Die griech'sche Feuertraube ruft mir wieder
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Im Herzen wach die Bilder Griechenlands.

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Zwei Jahre sind's! Ei, wie so anders schaute,
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Wie froh der Herbst mir damals ins Gesicht!
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Lau war die Luft, der tiefe Himmel blaute,
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Die Feige schwoll, die Traub' im Sonnenlicht.
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Da ließen, matt noch von des Sommers Gluten,
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Mein Ernst, den Ernst wir in Athen zu Haus
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Und zogen durch des Inselmeeres Fluten,
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Zwei sel'ge Schwärmer, abenteuernd aus.

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Gedenkst du, wie bei Paros durch die Brandung
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Das Boot wir zwängten? - dämmernd stieg der Mond -
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Und wie so schön uns dann die kühne Landung
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Die rebumkränzte Marmorstadt belohnt?
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Denkst du der Zithern, die die Nacht durchklangen,
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Der Brunnen, die uns in den Schlaf gerauscht,
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Und jenes Mädchens, das mit glühnden Wangen
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Für leichten Schmuck Orangen uns vertauscht?

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Denkst du an Naxos noch? Ich seh' sie liegen,
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Die Klöster und das Schloß auf hohem Stein,
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Den Säulenhof, wo sich die Palmen wiegen,
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Die Felswand übergrünt von eitel Wein,
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Das reiche Tal, in dessen bucht'ge Weiten
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Ein buntgezäumtes Saumtier leicht uns trug -
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Da blinkten Becher rings, da klangen Saiten;
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Fürwahr, es war ein neuer Bakchuszug!

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Und als wir sonnverbrannt mit staub'gen Ballen
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Zur Ruh' verlangten nach der heißen Fahrt,
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Da nahm uns in die kühlen Klosterhallen
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Der wackre Pater mit dem langen Bart.
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Hoch überm Meer auf seinem Laubensitze,
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Wie schollen unsre Lieder da so frisch!
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Wie floß der Quell des Nektars und der Witze
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So unerschöpft am saubern Abendtisch!

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Dort saß der Bischof, dort der Kapuziner,
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Wir zwei Poeten lustig mittendrin:
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Schlaulächelnd stellte der slawon'sche Diener
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Uns beiden stets die vollsten Flaschen hin.
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O Jubel, wie wir einst im Mönchsvereine
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Gezecht, bis jenen die Geduld selbst riß,
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Und wie wir dann, noch voll von süßem Weine,
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Verdeutscht das Trinklied des Panyasis!

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Doch mußten auf dem Chor die Priester säumen,
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Dann suchten wir die Gärten am Gestad';
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Schlaftrunken wob's in den Zitronenbäumen,
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Die stille Felsbucht rief zum lauen Bad;
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Dazu ein Trunk, ein Lied. So floß der Morgen,
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So kam gestirnt die duft'ge Nacht daher;
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Wir lebten, schwärmten - zwischen unsern Sorgen
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Und zwischen unsern Herzen lag das Meer.

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Nur einst - ein Sonntag war's, die Glocken gingen -
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Da dachten wir an Lübecks Glockenklang,
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Der Vaterstadt, und an den Wimpern hingen
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Uns plötzlich Tränen, und wir schwiegen lang.
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Ein Luftschloß baut' ich für mein Zukunftleben;
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So golden war's. Die Brust schlug heimatwärts -
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Ach, wenig hat die Heimat nun gegeben,
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Ein Liederbuch und ein verwundet Herz.

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Doch heilt es schon. Die Saiten, die zersprungen,
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Zu ew'ger Stummheit sind sie bald gedämpft;
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Ich habe mir in Nächten, bang durchrungen,
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Das schwere Gut der Heiterkeit erkämpft.
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Du sollst es am Gesang aus meinem Munde
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Kaum spüren,
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Und bricht sie einmal auf, die alte Wunde:
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Laß bluten! Auch der Schmerz will ja sein Lied.

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Mut! Mut! Dem Leid, der Lust die Stirn entgegen!
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Die Welt ist immer noch des Schönen voll.
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Ein kühnes Ringen gilt's auf meinen Wegen,
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Ich ward ein Mann und fühle, was ich soll.
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Ob's wieder Täuschung? - Doch genug! Der Hunde
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Gebell klingt nah, der Fels antwortet hohl;
87
Ein Schuß und wieder einer fällt im Grunde -
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Der Hirsch bricht durch die Büsche - Lebewohl!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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