Lebensstimmung

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Emanuel Geibel: Lebensstimmung (1833)

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O wer so recht die süße Kunst begriffe,
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Allein der schönen Gegenwart zu leben,
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Bei sanftem Windeshauch auf hohem Schiffe
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Ein südlich Meer mit Wonne zu durchschweben,
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Im Traubengarten überm Felsenriffe
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Beglückter Tage hold Gespinst zu weben,
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Als hätte nie das Herz in andern Stunden
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Des Lebens Schmerz und Bitterkeit empfunden!

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Wer das vermöchte! Wer bei jedem Gruße,
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Bei jedem Blick der Liebe könnte säumen!
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Wer es verstünde, stets in sel'ger Muße
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Sein Lied zu singen unter Blütenbäumen!
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Ihm würde gern mit leichtem Götterfuße
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Die Muse nahn in goldnen Dichterträumen,
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Und eh' er noch um solchen Preis gerungen,
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Wär' ihm die Stirn vom Lorbeer schon umschlungen.

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Ich hab' es oft versucht, und oft erglänzte
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Die Stunde mir, doch war's ein eitles Prangen;
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Denn wenn ich kaum das Haupt mit Blumen kränzte,
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Erwachten alte Schuld und altes Bangen;
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Am Becher, den der Freundschaft Hand kredenzte,
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Schien eine heiße Träne mir zu hangen,
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Und wenn ich froh die Saiten angeschlagen,
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Verhallten sie in sehnsuchtsvollen Klagen.

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Mir ist die Lust ein Schifflein, das zersplittert,
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Sobald's aus stiller Bucht hinausgeschwunden,
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Ein tönern Bild, das über Nacht verwittert,
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Wie schön es auch mit Rosen war umwunden,
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Ein Flötenhall, der in der Luft verzittert,
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Wenn er getönt zwei selige Sekunden,
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Im Lebenskelch der flücht'ge Kranz des Schaumes,
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Ein Duft, ein Hauch, der Schatten eines Traumes.

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Drum richtet nicht zu strenge die Gedichte,
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Wenn sie euch oftmals nahn im schwarzen Kleide;
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Nicht alle sind genährt vom frohen Lichte,
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Nein, viele tränkt' ein Herz mit seinem Leide;
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Und das bedenkt, dem Menschenangesichte
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Ist auch die Trän' ein köstliches Geschmeide,
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Und manchen Schatz, den ihr in Freudenstunden
40
Vergeblich suchtet, hat der Schmerz gefunden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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