O wie viel Kränze, eben frisch und grün

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Emanuel Geibel: O wie viel Kränze, eben frisch und grün Titel entspricht 1. Vers(1833)

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O wie viel Kränze, eben frisch und grün,
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Sah ich in einer kurzen Nacht verblühn!
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O wie viel blondgelockte Knaben,
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O wie viel Bräute, deren süßer Blick
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Sich kaum entzündet an der Liebe Glück,
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Sah ich schon lächeln und begraben!

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Es sucht der Tod die Freude, wie der Strahl
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Das funkelnde Metall. Ins laute Mahl,
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Wo Blumen duften, Becher prangen,
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Wo zur Musik der rasche Tanz erbraust,
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Greift er hinein mit eisig kalter Faust
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Und streift die Rosen von den Wangen.

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Das ist das Schicksal! Nach dem Tag die Nacht,
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Die stille Träne nach des Festes Pracht,
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Nach lustigem Gesang die Klage,
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Und nach der Jugend Glück so strahlenvoll,
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Drin wie ein Himmel weit die Seele schwoll,
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Die Ruh' im engen Sarkophage.

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Auch du, mein Artur! - O gedenk ich dein,
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Fließt um mein dunkles Herz ein sanfter Schein,
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Wie Mondenschimmer um Ruinen;
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Es blickt die alte Zeit mich seltsam an,
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So blickt wohl schüchtern auf den ernsten Mann
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Ein lächelnd Kind mit ros'gen Mienen.

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Wohl war er selig, dieser Jugendtraum!
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Ich zählte damals funfzehn Jahre kaum
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Und schwärmt' und träumte wie ein Knabe;
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Du warst mein Freund - ich forderte nicht mehr;
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Ich habe dich geliebt, wie ich nachher
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Nur einmal noch geliebet habe.

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Dein Auge war mir Licht, dein Wort Musik,
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Ich zürnte eifersüchtig jedem Blick,
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Den einem anderen du gönntest,
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Und oft hab' ich in stiller Nacht geweint
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Bei dem Gedanken nur, daß du den Freund,
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Zum Mann gereift, vergessen könntest.

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Des Abends, war die Schule endlich aus,
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Zogen wir singend in den Wald hinaus,
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Oder im Garten am Gewässer
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Sahn wir die Sonne glühend niedergehn
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Und bauten wie das Lichtgewölk so schön
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Uns für die Zukunft goldne Schlösser.

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Da freut' ich mich, wenn um dein blondes Haar
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Der Glanz der Abendröte wunderbar
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Wie eine leise Glorie spielte;
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Ich wurde still, ich drückte dir die Hand,
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Und nur die Träne, die im Blick mir stand,
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Sagte dir schweigend, was ich fühlte.

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O sanfter Rasenhang am Rand der Flut,
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Wo in den Blumen wir so oft geruht,
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O breite, dichtbelaubte Buche,
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Zu deren Wipfel unser Lied erscholl,
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Wie schauet ihr mich an so trauervoll,
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Wenn ich euch einsam jetzt besuche!

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Auch du, mein Artur! Abgeblüht ist nun
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Dein Lächeln, deine schönen Glieder ruhn,
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Staub bei dem Staub, im Schoß der Erden,
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Und dieses Auge, das mein Himmel war,
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Als reine Flamme glänzt' es nur so klar,
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Um ewig Asche dann zu werden. -

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Es war die Zeit, wo leis im wärmern Hauch
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Der Winterschnee zerrinnt, wo Herz und Strauch
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Sehnsüchtig nach dem Lichte ringen,
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Da neigtest du die schöne Stirn zur Ruh'
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Und lächeltest im Tod, als fühltest du
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An deiner Seele schon die Schwingen.

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Du lächeltest, ich weinte laut. Mein Herz
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War jetzt verwaist. Es war mein erster Schmerz,
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Und nimmer glaubt' ich zu genesen.
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Ach, deiner Liebe war ich so gewohnt;
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Sie war in meiner Nacht der klare Mond,
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Die Ros' in meinem Lenz gewesen.

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Und als sie dich gesenkt zur Ruh' hinab,
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Da zog der Frühling über deinem Grab
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Empor mit leisem, lindem Wehen;
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Er brachte Sonnenschimmer, Veilchenduft
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Und lust'gen Vogelsang und blaue Luft -
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Ich aber hab' ihn nicht gesehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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