1. Das Mädchen im Hades

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Emanuel Geibel: 1. Das Mädchen im Hades (1833)

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O wie glücklich sind die grünen Felder,
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O wie glücklich sind die hohen Berge,
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Welche nimmermehr den Hades schauen!
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Kommt der Winter, deckt er sie mit Reif zu
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Und mit dichtem flockigen Gestöber;
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Kommt der Frühling, grünen sie aufs neue,
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Tragen Blumen, tragen würz'ge Kräuter,
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Und der Sonnenschimmer schläft auf ihnen;
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Aber nimmer brauchen sie dort unten
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Jene trübe Dunkelheit zu fürchten.

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Hatten sich drei Riesen einst verschworen,
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In das Reich der Schatten einzubrechen.
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Stiegen sie hinab die dunklen Pfade,
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Wanderten drei Tage und drei Nächte,
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Kamen endlich in das Reich der Toten.
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Wie sie alles dort erforschet hatten,
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Wollten sie zurück zum Lichte kehren.
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Trat zu ihnen da ein schönes Mädchen,
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Blond von Haaren, aber blaß von Wangen,
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Sprach die Riesen an mit sanfter Stimme:
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»nehmt mich mit hinauf, ihr lieben Riesen!
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Möchte gern einmal die Sonne schauen
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Und die roten Blümlein auf dem Felde.«
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Drauf versetzten die gewalt'gen Riesen:
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»deine seidenen Gewänder rauschen,
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Deine langen blonden Locken flüstern,
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An den Füßen klappern die Pantoffeln;
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Können dich nicht mit uns nehmen, Mädchen,
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Charon, unser Fährmann, würd' es merken.«
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Sprach das Mädchen drauf mit sanfter Stimme:
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»meine Kleider will ich von mir legen,
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Will vom Haupt die langen Locken schneiden,
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Die Pantoffeln laß ich an der Treppe;
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Nehmt mich mit hinauf, ihr lieben Riesen!
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Sehen möcht' ich meine beiden Brüder,
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Wie am Herd sie sitzen, mich beweinend!
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Meine Mutter möcht' ich klagen hören,
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Klagen in der rauchbeschwärzten Hütte,
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Daß ihr liebstes Töchterlein gestorben.«
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Sprachen drauf die Riesen: »Liebes Mädchen,
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Bleib nur unten bei den bleichen Schatten!
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Deine Brüder singen in den Schenken,
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Und dein Mütterlein schwatzt auf der Gasse.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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