Winter mit den eis'gen Locken

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Emanuel Geibel: Winter mit den eis'gen Locken Titel entspricht 1. Vers(1833)

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Winter mit den eis'gen Locken
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War mir immer sonst so leid,
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Denn er hielt mit seinen Flocken
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Alle Freuden eingeschneit.

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Wenn die Vöglein lustig sangen,
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Wenn das Bächlein rauschend zog,
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Kam er plötzlich hergegangen
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Wie ein mürr'scher Pädagog:

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»vöglein, laßt das dumme Lärmen!
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Lüfte, laßt das laue Wehn!
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Bächlein, willst du ewig schwärmen?
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Besser ist's, fein still zu stehn.

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Fort, du ausgelaßne Erde,
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Mit dem bunten Narrenkleid!
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Daß dein Anblick ehrbar werde,
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Halt' ich schon ein Hemd bereit.

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Und ihr andern wilden Rangen,
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Blumenduft und Sonnenstrahl,
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Keiner soll sich unterfangen,
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Mir zu stören die Moral.«

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Und die Blumen wurden selten,
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Bächlein stand, und Vogel schwieg,
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Als der Pädagog mit Schelten
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Auf den Eiskatheder stieg.

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Schadenfroh mit arger Tücke
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Schlug er in den lust'gen Wald,
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Und es stob aus der Perücke
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Ihm ein Schneegewölk alsbald.

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Und der Sturm, sein böser Husten,
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Ließ sich hören weit und breit,
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Und wir armen Menschen wußten
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Nichts zu tun in solcher Zeit. -

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Doch der Süden, o wie ist er
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Doppelt nun mir lieb und wert,
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Seit er diesen Erzphilister
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Selber zur Vernunft bekehrt!

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Nicht mehr in die enge Stube
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Schließt mich jetzt der Januar,
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Nein, er ward ein toller Bube,
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Hat ein Auge groß und klar.

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An den Bergeshängen springt er
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Lustig hin im grünen Kleid;
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In den hohen Lüften singt er,
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Blumen streut er weit und breit.

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Kommt einmal Gewölk gezogen,
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Wurmt ihn gleich der dunkle Tand,
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Und den bunten Regenbogen
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Spannt er drauf mit leichter Hand.

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Gänzlich hat er auch vergessen
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Pädagogik und Moral,
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Unter Palmen und Zypressen
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Sonnt er müßig sich im Strahl.

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Manchmal nur in seltnen Zungen
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Schwatzt er von der Freude Macht,
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Und von seinem Hauch durchdrungen
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Hab' ich dieses Lied erdacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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