Der Sklav

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Emanuel Geibel: Der Sklav (1833)

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O wär' ich frei und reich, ein Pascha sondergleichen,
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Wie liebt' ich dann dies Land mit seinen Lorbeersträuchen,
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Von Korn und Trauben segenschwer,
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Dies klare Sonnengold in den kristallnen Lüften,
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Diese Gärten, durchwürzt von ew'gen Rosendüften,
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Und dieses glänzend blaue Meer!

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Um Mittag ruht' ich dann auf weichen Purpurdecken
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Im luftigen Gemach, wo im marmornen Becken
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Der Springflut Rauschen nie verstummt;
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Und wo ein schwarzer Knab', am Nigerstrand geboren,
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Mit krausem Wollenhaar, Goldringe in den Ohren,
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Sein Liedchen zur Gitarre summt.

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Oder auf stolzem Roß von echt arab'schem Stamme,
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Dessen Lauf wie der Wind, des Auge wie die Flamme,
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Flög' ich dahin durch Tal und Höhn,
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Durch die Felder von Mais, beschattet von Platanen,
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Den prächt'gen Strom entlang, wo stolz wie grüne Fahnen
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Der Palmen breite Fächer wehn.

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Und um die Zeit, wo süß die Nachtigallen klagen,
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Ließ ich ein leicht Gezelt von Seidenstoff mir schlagen
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Am Berg auf kühlem Wiesensamt:
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Ich sähe fern das Meer sich dehnen unermessen
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Und an der Bucht die Stadt mit Kuppeln und Zypressen
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Vom Abendpurpur überflammt.

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Und dann die süße Nacht! Auf schwebender Galeere
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Führ' ich bei Flötenschall hinaus zum stillen Meere,
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Und bei des Halbmonds Dämmerschein
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Höb' ich mit leiser Hand der Favorite Schleier
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Und säh' ein dunkles Aug', in dem das tiefe Feuer
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Verheißend spräche: »Ich bin dein!« - -

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So träumte süß der Sklav'. Da klirrte seine Kette,
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Er fuhr verstört empor von seiner Lagerstätte
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Mit bangem Blick, mit blassem Mund;
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Denn schon verschwand im Blau der Morgenstern erbleichend,
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Und vor ihm stand der Vogt, den krausen Bart sich streichend,
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Und rief: »Zur Arbeit fort, du Hund!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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