Verlorene Liebe

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Emanuel Geibel: Verlorene Liebe (1833)

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Und fragst du mich mit vorwurfsvollem Blick:
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Warum so trübe? Welch ein Mißgeschick
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Vermag der Seele Frieden dir zu stören? -
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Wohlan! Es sei! Die nächt'ge Stund' ist gut,
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Im Becher glüht der Traube dunkles Blut -
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Von meiner Jugendliebe sollst du hören.

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Ich war ein Knab', wie andre Knaben sind,
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Halb trotzig-heißer Jüngling, halb noch Kind,
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Zu scheu, des Lebens Rätsel zu entsiegeln;
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Mein junges Herz war voll und sehnsuchtsschwer,
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Es wußte kaum, weshalb - es glich dem Meer,
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Das still des Mondes harrt, ihn abzuspiegeln.

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Da fand ich sie, das blonde Kind der Flur,
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Und zwiegeschaffen fühlten wir uns nur,
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Uns neu zu einen wie in Edens Räumen;
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Blau war ihr Auge wie die Sommernacht;
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Und diese Lippen! - Wem sie nur gelacht,
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Der mußt' hinfort von heißen Küssen träumen.

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Wohl blüht' uns damals eine schöne Zeit,
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Als wir in dunkler Waldeseinsamkeit
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Das Reh belauschten und der Knospen Schwellen,
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Als wir im Kahne - Dämmrung rings umher -
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Uns wiegten auf dem abendstillen Meer,
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Vom Spätrot nur gesehn und von den Wellen;

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Als wir auf mondbeleuchtetem Balkon
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Zweistimmig sangen zu der Laute Ton,
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Als wir uns heimlich flüsternd dann umfingen,
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Und Aug' in Auge seligen Erguß
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Herniedertaute, und im ersten Kuß
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Die Seelen brennend aneinanderhingen.

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O wär' ich bei des ersten Kusses Tausch
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Damals gestorben in beglücktem Rausch,
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Aus weichen Armen in die Gruft getrieben!
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Ich wäre jetzt kein Greis mit braunem Haar,
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Frisch außen, innen Leiche. - O fürwahr,
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Es stirbt als Knabe, wen die Götter lieben.

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Nun mußt' ich sie verlieren. An den Mann
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Ist sie gebannt, den sie nicht lieben kann,
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Dem ihre ersten Küsse nicht zu eigen.
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Er führte lächelnd zum Altar sie fort;
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Sie wurde bleich, der Priester sprach das Wort,
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Ich aber stand dabei und mußte schweigen.

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Und denk' ich dran, so kocht im Grimm mein Herz,
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Und wie ein kaltes Eisen fährt der Schmerz
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Mir durch die Brust, und jeder Trost versaget.
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Darum bin ich so trüb, darum so wild.
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Doch nun hinweg damit! - Das Glas gefüllt!
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Beim Weine will ich schwärmen, bis es taget.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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