Rothenburg

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Emanuel Geibel: Rothenburg (1833)

1
Der Dichter kommt mit leichtem Mut gezogen
2
Durch grüne Triften und durch Korneswogen;
3
Da steigt vor ihm auf wald'gem Bergeskranze
4
Ein Schloß empor im Abendsonnenglanze.

5
Bald ist der steile Gipfel kühn erklommen;
6
Bald hat den Gast der Burghof aufgenommen;
7
Dort stehn als Wächter, eingelullt in Träume,
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Die alten blütenduft'gen Lindenbäume.

9
Des Tores Wölbung ist in Schutt zerfallen
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Und ungehindert tritt er in die Hallen,
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In die mit goldnem Strahl die Sonne schauet,
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In die von oben klar der Himmel blauet.

13
Auf einen moos'gen Stein setzt er sich schweigend,
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Er stützt das Haupt, es in die Rechte neigend,
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Und läßt in freiem Spiele die Gedanken
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Sich mit dem Efeu um die Trümmer ranken:

17
»du altes Schloß, wie bist du still geworden,
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Und schollst so laut einst von der Lust Akkorden!
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Wie ist der helle Schmuck dir abgefallen,
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Und glänztest einst das herrlichste von allen!

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Hier fanden sonst zu Spiel und lust'gem Feste
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In buntem Schwarm sich hundert edle Gäste;
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Kein hoher Wandrer zog vorbei der Stätte,
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Der unter deinem Dach geruht nicht hätte.

25
Nun spielen in des Windes leisem Kosen
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Holundersträuche nur und wilde Rosen,
27
Und nur der Sonne, nur des Mondes Schimmer,
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In deinen Hallen rasten sie noch immer.

29
Hier stürzte sich in raschen Melodien
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Trompetenjubel von den Galerien;
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Die Schleppen rauschten, und die Sporen klangen,
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Wenn sich im Fackeltanz die Paare schwangen.

33
Jetzt hörst du nur das Lied der Nachtigallen
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Aus den umbüschten Mauerblenden schallen;
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Leuchtkäfer lassen märchenhaft im Dunkeln
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Dazu den lichten Reigen nächtlich funkeln.

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Einst schmückten Scharlachdecken diese Wände,
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Durchwirkt mit lautern Goldes reicher Spende;
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Vom grauen Turme wehten bunte Fahnen,
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Die stolzen Zeichen der erlauchten Ahnen.

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Nun läßt der Himmel seine Purpurgluten
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In vollen Strömen um die Trümmer fluten,
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Und von den Zinnen seh' ich Efeuranken,
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Vergänglichkeit, dein grünes Wappen, schwanken.

45
Dort vom Altane sah im Abendstrahle
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Des Burgherrn ros'ge Tochter wohl zu Tale
47
Und barg geheimnisvoll im reinen Sinne
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Den ersten süßen Blütentraum der Minne.

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Nun quellen Rosen aus des Söllers Spalten,
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Die eben den verschämten Kelch entfalten,
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Und Schmetterlinge seh' ich still daneben,
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Die Geister jener Liebesträume, schweben.

53
Du altes Schloß, ich kann nicht um dich weinen,
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Blüht holdes Leben doch aus deinen Steinen;
55
Wie eine Leiche hab' ich dich gefunden,
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Der man den Sarg mit Blumen schön umwunden.«

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So sprach der Dichter, und im Spätrot schienen
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Ihm einen Gruß zu winken die Ruinen;
59
Er aber schritt, die Brust voll junger Lieder,
60
Vom alten Schloß zur goldnen Au hernieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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