Wie kommt's, daß uns so oft Äsop

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Jean de La Fontaine: Wie kommt's, daß uns so oft Äsop Titel entspricht 1. Vers(1658)

1
Wie kommt's, daß uns so oft Äsop
2
Gesungen hat des Fuchses Lob –
3
Sein Lob als allerschlauster Wicht?
4
Ich such den Grund und find ihn nicht.
5
Wenn ich den Wolf mit ihm vergleiche:
6
Hat der sich seiner Haut zu wehren,
7
Lockt den nach Beute sein Begehren,
8
So übt er wohl noch beßre Streiche.
9
Ich glaub's – und wäre ich nur dreister,
10
So widerspräche ich dem Meister
11
Und seiner anfechtbaren Lehre.
12
Doch hier ein Fall, wo alle Ehre
13
Tatsächlich dem gebührt, der Malepart bewohnt.

14
Im Brunnengrund sah eines Nachts der Fuchs den Mond –

15
Kreisrundes Bild, das ihm ein voller Käse schien.
16
Zwei Eimer dienten da, wechselnd das Naß zu ziehn,
17
War einer oben, hing der andre in der Tiefe.
18
Nun war dem Hungerherrn,
19
Als ob der Käse riefe,
20
Er möchte herzlich gern
21
Von ihm gefressen sein;
22
Und also stieg er in den obern Eimer ein
23
Und sauste nieder – um den Irrtum einzusehen.
24
O welche Not! Er sieht, es ist um ihn geschehen.
25
Wie könnt er je zurück, wenn nicht ein andrer käme
26
Und gleich wie er berückt den andern Eimer nähme,
27
Daß seiner wieder aufwärts stieg zum Brunnenrand?

28
Doch keiner kam – und schon der zweite Tag entschwand.

29
Zwei Nächte hatten merklich jetzt, wie ihr begreift,
30
Das volle Rund des Monds am Rande ausgeschweift.

31
Verzweifelnd stöhnt der Fuchs – da kommt der Nimmersatt
32
Von Wolf vorbei. »Kamrad!« rief jener laut, »schau her,
33
Erblickst du meinen Fund? Ein Käse rund und schwer,

34
Den Faun, der Gott, aus Ios Milch geknetet hat!
35
Selbst Jupiter gewänne, wär er krank,
36
Durch ihn den Appetit zurück
37
Nach seinem edlen Nektartrank.
38
Ich aß vom Rande hier ein Stück,
39
Der Rest wird dir als Mahl genügen.
40
Ich gönnte keinem andern,« fuhr er fort zu lügen,
41
»ein solch olympisch Schlemmerglück,
42
Nur dir, mein liebster Freund, allein.
43
Genieße dies mit vollen Zügen.
44
Steig in den Eimer oben ein,
45
Den ich für dich dort hingehängt,
46
Und fahr herab, um hier so recht vergnügt zu sein.«
47
Hübsch war die Rede ausgeschmückt.
48
Der Wolf ist Narr genug, daß er sich selber fängt.
49
Der Rote lacht, wie alles glückt.
50
Der Eimer sinkt, und sein Gewicht
51
Entführt den andern Teil:
52
Es steigt der Fuchs zum Sternenlicht,
53
Nicht zu des Wolfes Heil.

54
Doch spottet dieses Toren nicht!
55
Ihr selber laßt euch gern und oft
56
Verführen von so ungewissen Dingen.
57
Gar leicht ist's, euch in gleiche Not zu bringen,
58
Da jeder glaubt, was er erhofft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.