Ein Wolf, erfüllt von Menschlichkeit

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Jean de La Fontaine: Ein Wolf, erfüllt von Menschlichkeit Titel entspricht 1. Vers(1658)

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Ein Wolf, erfüllt von Menschlichkeit
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(wenn's solche gibt in dieser Welt),
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Hat einst ob seiner Grausamkeit,
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Obwohl bei ihm Notwendigkeit,
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Ernste Betrachtung angestellt.
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»ich bin gehaßt«, sprach er; »von wem? von allen!
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Der Wolf ist allen der gemeine Feind.
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Er sei dem Untergang verfallen!
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So schreien Jäger, Bauer, Hund vereint.
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Jupiter schwindelt's droben vom Geschrei.
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Bereits ist England ganz von Wölfen frei,
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Man hatte Preise auf uns ausgesetzt.
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Kein Junker, der uns nicht zu Tode hetzt,
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Und keine Mutter, die nicht ihrem Kind
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Beständig mit dem bösen Wolfe droht.
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Das alles für ein räudig Rind,
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Für ein verirrtes Schaf, für einen dreisten Hund,
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Die ich verzehrt aus eigner Not.
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Nun gut, beseitigen wir der Feindschaft Grund,
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Verschonen wir fortan lebendiges Brot
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Und sterben eher Hungers. Essen wir allein

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Noch Gras. Das scheint mir nicht so schrecklich schwer

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Wie jener grimme Haß von groß und klein.«
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Indem er also sprach, gewahrte er,
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Wie Hirten ein am Spieß gebratnes Lamm verzehrten.
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Da sprach er: »Oh, ich schelte mein Begehr
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Nach Blut der gleichen Sippe, ihre Hüter hier
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Erquicken sich daran mit ihren Hunden.
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Den Göttern Dank, daß sie mich schnell belehrten!
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Wahrlich, ich wär das lächerlichste Tier!
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Nein, mir soll weiterhin das Lämmchen munden,
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Selbst ungebraten, auch die Mutter, die es säugt,
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Sowie der Vater, der's gezeugt!«

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Der Wolf sprach recht. Begehn wir je ein Fest,
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Für das nicht manch Getier sein Leben läßt?
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Und wollen doch den Tieren nur gewähren,
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Daß sie sich von der Kost des goldnen Alters nähren?
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Ihr Hirten, hört und wißt,
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Man kann dem Wolf nur unrecht geben
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Da, wo er nicht der Stärkere ist.
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Soll er als Eremit denn leben?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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