Aus Eulenschnabel fiel einst eine Maus

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Jean de La Fontaine: Aus Eulenschnabel fiel einst eine Maus Titel entspricht 1. Vers(1658)

1
Aus Eulenschnabel fiel einst eine Maus.
2
Ich hätte sie nicht aufgehoben.
3
Doch ein Brahmine tat's und nahm sie mit nach Haus.
4
Ich glaub's; denn jedes Volk gebietet andre Proben
5
Von Nächstenliebe. Würden wir
6
Uns viel bemühn um ein geschundnes Tier?

7
Nein, dreimal nein! Doch der Brahminen Volk behandelt

8
Das Tier als Bruder; denn sie glauben fest,
9
Daß unsre Seele, wenn sie ihren Herrn verläßt,
10
In eine Käsemade wandelt
11
Oder in andre Lebewesen,
12
Wofür sie just das Schicksal auserlesen.
13
Das ist ein alter Glaubenssatz bei ihnen,
14
Pythagoras schon kundete ihn aus.
15
Und so erklärt sich auch die Bitte des Brahminen
16
An einen Zaubrer, seiner Maus
17
Den Leib zurückzugeben,
18
Den sie besaß im Leben.
19
Der Zaubrer tat's. Was kam heraus?
20
Ein Mädchen, fünfzehn Jahre eben,
21
So schön, daß hier um einen Kuß
22
Der kühne Sohn des Priamus
23
Weit mehr gewagt noch hätte als um Helena.
24
Als der Brahmine überrascht die Schönheit sah,
25
Da sprach er: »Du brauchst nur zu wählen,
26
Du kannst gewiß auf jeden zählen,
27
Der dir zum Gatten mag gefallen.«
28
»so gebe ich mein Wort dem mächtigsten von allen.«
29
»dir Sonnengott dein Lohn!«
30
Rief der Brahmine laut;
31
»sei du mein Schwiegersohn
32
Und nimm die schönste Braut!«
33
»nein«, rief der Gott darauf,
34
»noch mächtiger als ich
35
Ist dieser Wolkenhauf,
36
Denn er verdunkelt mich.
37
Er sei von dir erkoren!«
38
»für dich, Gewölk, geboren
39
Ist also dies mein Kind«,
40
Rief der Brahmine wieder.
41
Von droben tönt es nieder:
42
»nein, stärker ist der Wind,
43
Er jagt mich nach Gefallen;
44
Dem Boreas vor allen
45
Gehört die Schöne an.«
46
Verdrießlich sprach der Mann:
47
»auf, kommen wir zum Schluß,
48
Und da es dich, o Wind,
49
Doch einmal geben muß,
50
So komm und nimm das Kind!«
51
Der kam in schnellem Lauf.
52
Da hielt ein Berg ihn auf.
53
Der fing den Ball und warf
54
Ihn weiter: »Nein, ich darf
55
Die Ratte nicht verletzen,
56
Die mich durchbohren kann;
57
Sie würde mich zerfetzen,
58
Trät ich als Freier an.«
59
Es spitzt beim Worte Ratte
60
Die Schöne ihre Ohren:
61
»ja, dieses ist mein Gatte!«
62
Die Ratt, die Ratt erkoren!
63
Das war ein Sprung, wie ihn die Liebe liebt.
64
Beweise? Nun, ihr wißt, daß es recht viele gibt.
65
Man kommt von jenem Ort,
66
Dem man entstammt, nicht fort.
67
Die Fabel hat den Fall bewiesen.
68
Doch prüft man näher, findet man dabei
69
Ein gutes Teil Sophisterei.
70
Zum Gatten sich den Sonnenball erkiesen?
71
So töricht wäre eine Schöne nicht.
72
Und darum schwächer nennen einen Riesen
73
Als einen Floh, nur weil der Floh ihn sticht?
74
Und mußte nicht die Ratt der Katze unterliegen,

75
Die Katz dem Hund, der Hund dem Wolfe und so weiter?

76
Und wäre Pilpai nicht auf dieser langen Leiter
77
Doch wieder bis zum Sonnenball emporgestiegen,
78
Um schließlich ihm zu schenken jenes Liebesglück?
79
Und nun zu der Metempsychose noch zurück!
80
Sie zu beweisen, ist das Wunder des Brahminen
81
Sehr ungeeignet, ja es wird in ihm sogar
82
Ihre Unhaltbarkeit uns offenbar.
83
Nach dem System, dem jene Leute dienen,
84
Muß Mann, Maus, Wurm, kurz jeder seine Seele
85
Aus einem Schatz entnehmen, der gemeinsam Gut;
86
Und so – sofern ich mich im Folgern nicht verfehle –
87
Sind alle gleicher Art; Verschiedenheit beruht
88
In ihrer Konstitution allein:
89
Wie diese handelt, das bestimmt,
90
Ob einer sinkt, ob Höhen er erklimmt.
91
Hier darf der Einwand wohl berechtigt sein:
92
Warum vermochte jenes schönheitsvolle Wesen
93
Von seiner Wirtin nicht so weit sich zu befrein,
94
Um sich der Sonne zu vermählen?
95
Wie kam's, daß sie ein Rattenvieh sich auserlesen?
96
Erwägt man alles Stück für Stück,
97
So sind der Mäuse Seelen und der Schönen Seelen
98
Doch voneinander gar verschieden,
99
Und eine jede muß in ihre Bahn zurück.
100
Das ist ein himmlisches Gesetz hienieden.
101
Besprecht den Teufel, treibt Magie auch noch so viel,
102
Ihr bringt kein Wesen ab vom vorbestimmten Ziel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.