Ein Seifensieder sang vom Morgen bis zum Abend

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Jean de La Fontaine: Ein Seifensieder sang vom Morgen bis zum Abend Titel entspricht 1. Vers(1658)

1
Ein Seifensieder sang vom Morgen bis zum Abend.
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Es war entzückend, ihn zu sehn,
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Und ihn zu hören, war noch mehr erlabend.
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Er sang so laut wie zehn
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Und war zufriedner als die sieben Weisen.
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Sein Nachbar doch war nicht so froh.
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Der saß im Golde zwar bis über beide Ohren,
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Doch glücklich war er keineswegs zu preisen,
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Weil ihn der Schlaf und auch der Frohsinn floh.
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Kaum war bei Tagesgraun ein wenig Schlaf gekommen,
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Begann der Seifensieder zu rumoren
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Und seine Lieder in die Welt zu schmettern.
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Der Reiche fing natürlich an zu wettern.
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Als er sich ausgetobt, denkt er beklommen:
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Weshalb kann man den Schlaf nicht käuflich haben,
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Wie man sich doch auch andre Gottesgaben,
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Zum Beispiel Speisen und Getränke, kaufen kann?
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Dann läßt er sich den Sänger kommen:
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»gregor, was nehmt Ihr wohl im Jahre ein?«
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»im Jahre?« fragt der Mann
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Und schaut so recht treuherzig drein;
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»wie fängt man solche Rechnung an?
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Ich zähle nicht, wieviel ein Jahr mir bringt –
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Ich bin zufrieden, wenn's gelingt,
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Daß man sich glücklich durch des Jahres Mühen singt.«
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»nun gut, mein Freund, so sag,
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Wieviel verdienst du denn am Tag?«
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»bald mehr, bald weniger; das Unglück ist allein:
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Es geht so mancher Feiertag mit drein,
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Sonst wäre mein Verdienst nicht klein.
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Mit immer neuen würzt der Pfarrer seine Predigt.«
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Der Geldmann lacht der Offenherzigkeit
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Und sagt: »Vielleicht, daß dies hier dich entschädigt!
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Nimm diese hundert Taler, halte sie in Hut,
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Sie helfen dir aus Geldverlegenheit.«
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Der Seifensieder nimmt das teure Gut –
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Ihm ist, als habe er das ganze Geld bekommen,
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Das in den letzten hundert Jahren
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Den Weg durch diese Welt genommen.
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Froh kehrt er heim, verbirgt den Schatz.
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Doch ach, wo waren
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Die Lieder und der Frohsinn hin?
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Jetzt war für sie in seinem Haus kein Platz,
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Doch Angst und Sorge waren drin.
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Der Schlaf verließ sein Haus,
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Verdacht und Argwohn nisteten sich ein,
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Er mußte immer auf der Lauer sein,
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Und rührte sich nur eine Maus,
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So schien's ein Dieb; und endlich lief der Arme hin
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Zu ihm, den nie mehr störten seine Lieder:
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»o gebt mir meinen Sang und frohen Sinn
52
Und nehmt die hundert Taler wieder.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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