Der Tod des Gatten bringt gar viele Tränen mit

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Jean de La Fontaine: Der Tod des Gatten bringt gar viele Tränen mit Titel entspricht 1. Vers(1658)

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Der Tod des Gatten bringt gar viele Tränen mit,

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Man macht ein groß Geschrei und tröstet sich am Ende,

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Und mit der Zeit vergißt
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Man alles, was man litt,
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Und reicht der Zukunft froh die Hände.
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Die Witwe, die ein Jahr lang Witwe ist,
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Und jene, die erst Witwe einen Tag,
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Sind so verschieden, daß man zweifeln mag,
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Ob beides denn dieselbe Frau.
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Die trieb die Männer fort, und diese lockt sie schlau;
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Nur Seufzer wußte jene auszuschicken,
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Die andere versteht es, jeden zu berücken.
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Ja, immer ist die Sache einerlei:
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Man sagt, daß man untröstlich sei –
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Man sagt's, jedoch man ist es nicht.
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Das zeigt uns folgender Bericht,
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Der ganz der Wirklichkeit entspricht.

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Der Gatte einer jungen Schönen
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Schied hin von dieser Welt; in herzbewegten Tönen
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Rief seine Frau: »Ich werde mit dir ziehen,
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Auch meine Seele will von hinnen fliehen,
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Um dir zu folgen; Liebster, warte mein!«
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Der Gatte tat die Reise doch allein.
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Der Schönen Vater war ein kluger Mann,
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Er sah zunächst den Sturm mit an,
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Worauf er tröstend dann begann:
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»mein Kind, was sollen deine Tränen?
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Kannst du den Toten so tyrannisch wähnen,
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Daß ihn danach verlangt, daß deine Reize schwinden?
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Noch gibt es Lebende, laß tot den Toten sein!
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Du könntest deine große Pein
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Mit mehr Beherrschung leicht verwinden;
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Denn unschwer ließe sich ein Gatte finden,
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Der jung und stattlich anzuschauen –«
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»ach laß!« versetzte sie gequält,
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»das Kloster ist der Gatte, der mir fehlt.«
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Der Vater ließ sie ihren Schmerz verdauen.

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Ein Mond geht hin. Im nächsten schon gewöhnt man sie,

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Das Kleid, die Wäsche, die Frisur zu ändern.
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Das Trauerkleid mit Schleifen und mit Bändern
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Hat eine eigne zarte Poesie.
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Und alle Waffen der Koketterie,
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Das Augenspiel, das Lächeln, selbst den Tanz
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Nimmt sie zur Hand und badet sich im Perlenglanz,
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Den ihr des Jungbrunns Flut ins Antlitz sprüht.
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Der Vater sieht nicht länger sich bemüht;
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Doch da er unsrer Schönen nichts mehr sagt,
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Ist sie es selbst, die eines Tages fragt:
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»wo ist er denn, der nette junge Gatte,
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Den deine Umsicht mir versprochen hatte?«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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