Ein blutjunges Mäuschen, das nichts noch gesehn

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Jean de La Fontaine: Ein blutjunges Mäuschen, das nichts noch gesehn Titel entspricht 1. Vers(1658)

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Ein blutjunges Mäuschen, das nichts noch gesehn,
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Wär ahnungslos beinah ums Leben gekommen.
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Hört, wie's seiner Mutter erzählt, was geschehn:
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»ich hatte wie spielend die Berge genommen,
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Die rings unser Reich umstehn,
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Und trottete wie eine junge Ratte dahin.
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Da sah ich zwei Tiere gehn:
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Das eine sanftmütig und zärtlich und schön,
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Das andere grob und von zänkischem Sinn.
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Das machte ein rohes und schrilles Gekreisch
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Und hatte am Kopf einen Fetzen Fleisch
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Und fuhr durch die Luft voll Verwegenheit,
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Und sein Schwanz war buschig und breit.«
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Kurz, unser Mäuschen machte da
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Der Mutter von einem Hähnchen ein Bild,
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Als sei das ein Tier aus Amerika.
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»es schlug sich«, erzählte es, »fuchsteufelswild
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Die Schenkel mit seinen Armen
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Und machte Spektakel zum Gotterbarmen,
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Daß ich mit all meinem Mut im Schild
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Mein Heil im Reißausnehmen suchte
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Und das Vieh im Herzen verfluchte.
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So ward ich mit jenem Tier, das so mild
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Mir erschien, leider gar nicht bekannt.
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Getigert und samten war sein Fell,
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Demütig sein Auge und dennoch so hell.
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Ich glaube, es ist mit uns Mäusen verwandt,
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Denn Ohren hat es ganz ähnlich wie wir.
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Ich wollte es grüßen, da hat jener Fant
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Getobt, daß ich schleunigst davongerannt.«
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Da sprach die Alte: »Mein Kind, jenes Tier,
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Das dir so liebenswürdig erschienen,
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Heißt Katze, und trotz der scheinheiligen Mienen
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Verfolgt es die Unsern mit Mördergier.
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Das andre indes ist ein harmloses Tier,
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Wird uns vielleicht als Mahlzeit dienen
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Demnächst einmal; bei der Katze jedoch
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Sind
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Bei vielen Leuten stimmt es nicht,
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Wenn man sie schätzt nach ihrem Gesicht!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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