Verlaß dich nur auf dich!

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Jean de La Fontaine: Verlaß dich nur auf dich! Titel entspricht 1. Vers(1658)

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Verlaß dich nur auf dich!
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Das ist ein Wort voll Wahrheitskraft.
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Hört, wie Äsop ihm Glauben schafft.

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Die Lerche baut ihr Nestchen sich
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Im Acker, wenn noch grün das Feld,
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Das heißt, zur Zeit da alles in der Welt
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In Liebe sich vereint, daß sich die Art erhält:
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Die Ungeheuer tief im Meer,
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Die Tiger in den Wäldern,
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Die Lerchen in den Feldern.
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Von diesen letzten säumte eine sehr
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Und ließ den halben Lenz verfließen,
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Ohne die Frühlingsfreuden zu genießen;
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Nun aber gab ihr die Natur voll Kraft
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Den heißen Wunsch nach Mutterschaft.
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Sie baute, legte, brütete im Neste
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Die Eier aus, und alles ging aufs beste.
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Rings das Getreide aber trug
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Schon weiße Körner, eh' die Jungen stark genug
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Zum Fliegen waren.
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Die Lerche sah: hier drohten bald Gefahren!
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Voll banger Sorgen flog sie auf den Beutezug,
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Nachdem sie ihre Kinder so belehrt:
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»seid auf der Hut
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Und achtet gut:
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Wenn der, dem dieses Feld gehört,
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Mit seinem Sohne kommt (es wird geschehen!),
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Belauschet ihn; denn je nach seinem Wort
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Gilt's noch zu bleiben oder – schleunigst fort!«
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Kaum hat die Mutter sie verlassen, sehen
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Den Herrn mit seinem Sohn sie nahn. Er spricht:
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»das Korn ist reif. Nun säume nicht,
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Zu unsern Freunden hinzugehen,
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Und bitte sie, sobald der nächste Tag anbricht,
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Mit ihren Sensen zu erscheinen,
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Um unsern Acker abzumähen.«
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Die Lerche findet, als sie wiederkehrt,
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In großer Angst die armen Kleinen.
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Sie sagen ihr, was sie gehört:
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»er hat für morgen früh die Freunde all bestellt,
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Um abzumähen dieses Feld.«
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Da sprach die Lerche: »Hat er dieses nur gesagt,
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So drängt uns nichts, so haben wir noch Ruh!
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Doch höret morgen wieder zu.
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Jetzt eßt und labt euch, wie es euch behagt.«
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Sie essen, schlafen dann,
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Die Mutter wie die Kleinen.
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Der neue Tag bricht an,
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Von all den Freunden aber sieht man keinen.
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Die Lerche fliegt, um sich nach Futter umzusehen,
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Und wie gewöhnlich kommt der Mann.
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Er spricht: »Das Korn hier sollte nicht mehr stehen.
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Die Freunde taten unrecht dran,
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Und unrecht tut,
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Wer sich verläßt
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Auf solche arbeitsscheue Brut.
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Mein Sohn, für morgen bitte die Verwandtenschar.«
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Schlimmer als gestern war die Angst im Nest.

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»mutter, jetzt hat er die Verwandtschaft herbeschieden.«

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»so ist für unser Heim nicht viel Gefahr.
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Seid ruhig, Kinder, schlaft in Frieden!«
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Die Mutter hatte recht, denn niemand kam.
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Voll Unmut wurde dies der Herr gewahr.
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Er sprach: »Wie falsch ich mich benahm,
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Mich mehr auf andre Leute zu verlassen
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Als auf uns selbst! Ja, dies ist klar:
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Wer auf die andern hofft, der liegt bald arm und lahm.
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Drum höre, Sohn! Damit wir nicht die Zeit verpassen,
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Nimmt morgen jeder eine Sense in die Hand,
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Wir und die Unsern, und wir mähen unsre Gassen.
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Das wird die beste Hilfe sein!
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Wir bringen unsre Ernte wohl allein zustand.«
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Kaum weihte man in dies Gespräch die Lerche ein,
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Da rief sie: »Liebe Kinderlein,
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Nach solchem Wort
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Da heißt es: fort!«
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Und flatternd und taumelnd mit Flügeln und Beinen
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Entflohen mit ihrer Mutter die Kleinen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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