Der wahre Muth

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Johann Peter Uz: Der wahre Muth (1758)

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Mit blindem Ungestüm, in zweifelhaften Schlachten,
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Die drohende Gefahr verachten,
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Dem Tod entgegen gehn, ist oft erkaufte Wuth,
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Nicht Lorbeernwerther Heldenmuth.

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Dort, wo die Menschheit schläft, in einer Welt von Wilden,
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In Irokesischen Gefilden,
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Verströmt ein Barbar oft so freudig, als der Held,
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Sein Blut aufs Leichenvolle Feld.

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Doch soll ich wahren Muth mit güldnen Saiten preisen,
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Wo find ich ihn, als bey dem Weisen,
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Der mit Gelassenheit, nicht stoisch aufgebläht,
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An sein bestimmtes Leiden geht?

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Der Tod umschattet ihn mit schnellen Finsternissen,
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Ruft unbewegt in seinen Schlüssen,
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Ihn aus der Freundschaft Arm, und aus der Liebe Schoos,
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Und findet ihn bereit und groß:

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Groß, wann voll Furcht und Angst die Könige der Erden
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So klein, als ihre Sklaven werden,
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Und vor dem trüben Blick, gleich einem Traum, verfliegt,
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Was den betrognen Stolz vergnügt.

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Als Held stirbt Sokrates, der für die Tugend leidet,
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Und, wann er aus dem Leben scheidet,
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Ein beßres Leben hofft, und seiner Ewigkeit
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Sich, ihrer werth, entgegen freut.

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Athen hat ihn verdammt, die Wahrheit losgesprochen:
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Sein letzter Tag ist angebrochen:
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Die Freunde stehn um ihn; ihr männlich Auge weint
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Um einen Lehrer, einen Freund.

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Er lächelt: klagt ihr auch? Gerecht ist eure Klage,
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Wenn Sokrates an diesem Tage,
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Der ganze Sokrates durch ckaltes Gift erbleicht,
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Und in sein erstes Nichts entweicht.

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Ich fühle, daß in mir ein göttlich Etwas lodert,
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Das lebt, wann seine Hülle modert!
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Mir lispelt die Natur jetzt lauter, als zuvor:
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Du bist unsterblich! in das Ohr.

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Selbst meine Seele zeugt von ihrer hohen Würde:
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Selbst diese brennende Begierde
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Nach Wahrheit, welche flieht, verhüllt in Dunkelheit,
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Ist Ahndung der Unsterblichkeit.

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Wir steigen stuffenweis zu stets erhabnern Sphären:
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So lang die Pilgrimsjahre währen,
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Irr ich im dunkeln Wald, wo zweifelhaftes Licht
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Durch dichte Zweige dämmernd bricht.

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Bald, bald wird mich der Tod, obgleich auf schwarzen Schwingen,
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Zu einem hellern Auftritt bringen,
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Wo ewiger Mittag, der nicht an Schatten gränzt,
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Voll Klarheit in die Seele glänzt.

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Da jenseits meines Grabs ich weis' und glücklich werde,
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So geh ich fröhlich von der Erde.
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Vor diesem dunkeln Weg beb' an des Lasters Brust
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Der feige Sklave niedrer Lust!

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Die falschen Freuden fliehn, gleich den gescheuchten Schafen;
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Und ihn erwarten schwere Strafen,
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Erwartet, nach dem Tod, die strenge Nemesis,
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In Gegenden der Finsterniß.

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Doch Seelen, die im Leib nicht bloß dem Leibe lebten,
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Und nach dem wahren Guten strebten,
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Erheben sich im Tod und schwingen fesselnfrey
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Vor ihrem Grabe sich vorbey:

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Und werden hingerückt in Auen, wo der Friede,
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Bey Philomelens holdem Liede,
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Bald im beblühmten Thal, bald bey cristallner Fluth,
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Im Schoos des Frühlings ewig ruht.

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Er sprach, und Freude glüht' in seinem Angesichte:
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Sein Auge schien mit sanftem Lichte,
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So heiter, als es war, wann ihm des Freundes Hand
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Beym frohen Gastmahl Kränze wand.

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Kein unvergnügtes Wort entfiel dem weisen Munde:
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Doch flog die feyerliche Stunde,
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Die Stunde, die den Freund aus Freundes-Armen raubt,
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Schon wartend über seinem Haupt.

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Er, jetzt voll wahren Muths, wann oft die Starken beben,
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War sterbend größer, als im Leben:
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Sein Tod war glänzend, frey, selbst unter äußrem Zwang,
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War einer Sonnen Untergang.

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Die Königinn des Lichts läßt ihre letzten Strahlen
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Des Meeres blaue Schuppen mahlen,
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Und weicht mit Majestät, im Purpur ihrer Pracht,
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Dem kalten Hauche naher Nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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